Demonstrant in Berlin
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Auch wenn‘s mancher Demonstrant wie hier in Berlin mit Humor nimmt: Der Kultur-Lockdown gefährdet ein ganzes System - und ist juristisch zweifelhaft.

Interview mit den Initiatoren von „Aufstehen für die Kunst“

Kultur im Lockdown: Promi-Künstler drohen „Wir lassen uns das nicht gefallen“

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Die Liste der internationalen Promis aus der Kulturszene wird immer länger. Mit dabei sind unter anderen Herbert Blomstedt, Thomas Hengelbrock, Diana Damrau, Marlis Petersen, Anne-Sophie Mutter, Albrecht Mayer und Gasteig-Chef Max Wagner. Die Münchner Initiative „Aufstehen für die Kunst“ erhebt weiter schwere Vorwürfe gegen die Kulturpolitik besonders im Freistaat Bayern. Schon bald dürfte sie den Rechtsweg beschreiten. Ein Kultur-Lockdown, so wird argumentiert, sei noch immer verfassungswidrig, systemgefährdend und widerspreche wissenschaftlicher Realität. Ein Video-Gespräch mit dem Dirigenten Hansjörg Albrecht sowie den Sängern Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Kevin Conners und Christian Gerhaher.

„Für die Kunst gibt es nie einen falschen Zeitpunkt“, sagt Dirigent und Organist Hansjörg Albrecht.

Was ist seit Ihrer Pressekonferenz vor einigen Wochen passiert?

Hansjörg Albrecht: Wir halten den Eilantrag noch zurück und akquirieren in alle möglichen Richtungen. Aktuell haben wir über 250 Unterstützer mit an Bord, darunter sehr viele Einzelkünstlerinnen und Einzelkünstler. Auch die Konferenz der Generalmusikdirektoren und Chefdirigenten unterstützt unsere Initiative inzwischen – allerdings bisher noch kein einziges Symphonieorchester, auch die subventionierten Chöre und sonstigen großen Kunst-Institutionen tun sich noch sehr schwer. Uns wird oft gesagt, unsere Initiative komme angesichts der Pandemie-Lage zum falschen Zeitpunkt. Für die Kunst gibt es nie einen falschen Zeitpunkt. In Nicht-Krisenzeiten, wenn alles läuft, schien bisher ein solcher Zusammenschluss der Kunstschaffenden nicht notwendig, doch wir wollen die aktuelle Krise positiv nutzen.

Und warum noch keine Klage?

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: Weil man das Infektionsgeschehen im Blick behalten muss. Es wäre wenig sinnvoll, ein Verfahren anzustreben und eine Eröffnung zu erzwingen, die zwei Wochen später rückgängig gemacht werden muss. Am 10. Dezember hatte der französische Premierminister verkündet, dass die Häuser doch nicht öffnen dürfen. Die französischen Gewerkschaften sind dann offenbar von unserem Plan eines Eilantrags inspiriert worden und haben einen eigenen eingebracht. Das darauf folgende Urteil war, auch wenn es wegen der Pandemie-Entwicklung die Schließung vorerst bestätigte, trotzdem sehr wichtig für unsere Perspektive: Die Grundrechte, so heißt es nun in Frankreich, würden durch die Schließung der Theater und Säle schwer beeinträchtigt. Erstmals wurde außerdem der Zugang zur Kultur als Grundrecht eingestuft. Auch dort gibt es übrigens Aerosol-Studien wie in Deutschland, die beweisen: Theater sind bei entsprechenden Hygienevorrichtungen keine Infektionsherde.

Christian Gerhaher: „Warum ist die Politik so kulturfern in ihrer Perspektive und Handlungsweise?“

Christian Gerhaher: Wir haben von unserem Eilantrag vorerst abgesehen, als Ministerpräsident Söder für Bayern den Katastrophenfall ausgerufen hatte und der verstärkte Lockdown kam. Auch ist noch nicht klar, wie die verschiedenen Virusmutationen einzuschätzen sind. Wir warten also, bis sich das Infektionsgeschehen beruhigt hat und bis es in Deutschland Öffnungsperspektiven gibt. Sobald sichtbar wird, dass die Künste hierbei nicht berücksichtigt oder so schlecht behandelt werden wie im Lockdown light, handeln wir. Dieser hat damals bekanntlich nicht viel gebracht – außer dass er die Künste stark beschädigt und die ohnehin schon schwere Krise der Künste noch verschärft hat.

In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits ein Gremium mit Vertretern des Bundeslandes und der Künste, das sich mit Öffnungsstrategien beschäftigt. Fühlt man sich im Vergleich dazu in Bayern alleingelassen?

Kevin Conners: Gerade das liegt unserer Idee eines Eilantrags zugrunde. Einen Dialog mit Vertretern der Kulturszene hat es meines Wissens hier noch nicht gegeben. Viele Briefe wurden an die Politik geschrieben, es kam kaum eine Antwort. Wir betrachten unsere Aktion auch als Aufruf zu Dialogen, um über die Zukunft zu sprechen. Die Frage ist: Wie können wir gemeinsam Ideen für die allmähliche Öffnung entwickeln?

Christian Gerhaher: Das stark föderative System in Deutschland setzt hier auch Grenzen. Das ist in zentralistischen Staaten wie in Frankreich leichter. Wenn Angela Merkel eine Idee hat und versucht, diese auf einer Ministerpräsidenten-Konferenz einzubringen, gibt es stets Länder, die – aus welchen Gründen auch immer – dem nicht folgen. Das ist eine problematische Situation, weil sie wie ein Wandschirm wirkt, hinter dem sich Politiker verstecken können. Die Schwierigkeit einer gesamtdeutschen Entscheidungsfindung wird dazu benutzt, schwächere gesellschaftliche Bereiche noch schwächer zu machen. Das können wir uns nicht gefallen lassen. Ich habe gerade gelesen, dass endlich die Museumsvertreter aufstehen und sagen: Lasst uns aufsperren. Es gibt dort, allein um die Werke zu schützen, beste Klima-Anlagen. Es ist doch überhaupt nicht einzusehen, warum man Museen geschlossen hält! Warum sind sie nicht von in der Früh um sieben bis nachts um zehn Uhr offen? Warum wird der Einlass nicht in Slots verteilt? Warum ist die Politik so kulturfern in ihrer Perspektive und in ihrer Handlungsweise? Es geht doch darum, dass die Menschen wieder Inhalte in ihr Leben bekommen und sich nicht nur virtuell und mit Netflix beschäftigen müssen. Warum wird Kultur gerade in dieser Zeit nicht dazu benutzt, den Menschen ein geistiges Forum zu bieten? Umstellungen schulischer Lehrinhalte vor 30, 40 Jahren führten dazu, dass die kulturelle Bildung immer schlechter wurde. Und man wird schon manchmal das Gefühl nicht los, die Resultate in der jetzigen Politikergeneration zu sehen. Man meint, deren aktuelle Entscheidungen resultierten aus der eigenen relativen Distanz zu den Künsten.

„Mit dieser Einstellung wäre es nicht einmal zu den Höhlenmalereien in Altamira gekommen“, meint Wolfgang Ablinger-Sperrhacke.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: Der Sündenfall war die Ministerpräsidenten-Konferenz vom 28. Oktober, auf der man die Kultur als Freizeitbeschäftigung eingestuft hat. Immerhin wurde das in der Revision des Infektionsschutzgesetzes wieder zurückgenommen. Die heutige Politikergeneration sieht die Kultur nicht als ein zentrales Erbe der Menschheitsgeschichte an. Mit dieser Einstellung wäre es nicht einmal zu den Höhlenmalereien in Altamira gekommen.

Christian Gerhaher: Als Herr Söder im Dezember den härteren Lockdown für Bayern verkündete, sagte er, dass man ab jetzt nur noch mit Masken in die Kirchen gehen und nicht mehr singen dürfe. Das ist nichts anderes als ein Skandal: Während Säle und Theater im Lockdown light schon längst geschlossen waren, während speziell die darstellenden Künste so leiden mussten und brachlagen, durfte man also noch ohne Maske in die Kirchen hineinspazieren und singen. Ein Hohn. Die Politik brachte uns so in eine Art Konkurrenz-Position zu den Religionen. Sie hätte stattdessen eine moderierende Rolle einnehmen müssen, und beiden – der Religion wie der Kunst – ihre verfassungsmäßige Freiheit in vergleichbarem Maß garantieren müssen. Dass sie das bis heute nicht tut, ist eigentlich schwer zu verzeihen.

Aber warum finden sich Künstlerinnen und Künstler nicht zu einer organisierteren Form zusammen wie in anderen Ländern? Hat das mit Ängsten zu tun – zum Beispiel auch als Ensemblemitglied an der Bayerischen Staatsoper?

Kevin Conners: Ich glaube, ich bin das einzige Münchner Ensemblemitglied, das in der Künstlergenossenschaft ist. Bis heute habe ich nichts von ihr gehört, was irgendeine Unterstützung unserer Ideen betrifft. Ich habe nicht um mich selbst Angst, sondern um die Kunst im Allgemeinen. Ob diejenigen, die gerade an Konservatorien und Hochschulen ausgebildet werden, überhaupt noch eine Perspektive haben? Oder schauen Sie sich Knabenchöre an: Die Zahlen der Interessenten gehen drastisch zurück.

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: Es existiert in Deutschland schon eine Angst, sich gegen die Kulturpolitik zu positionieren. Das war in Österreich von Beginn der Pandemie an nicht so. Dort wie auch in der Schweiz gibt es einen Zusammenschluss der Intendanten, die einen Dialog mit der Politik einfordern – und der auch gewährt wird. Den gibt es übrigens auch in Frankreich. So etwas vermissen wir in Deutschland sehr, auch wenn man jetzt eine widerständige Haltung der bayerischen Intendanten feststellen kann. Es geht immer darum zu überlegen, wie man sinnvoll öffnen kann – und nicht, wie lange man zusperrt.

Hansjörg Albrecht: Aufgrund meiner Erfahrungen der Unterstützer-Akquise in den letzten Wochen und vieler konstruktiver Gespräche frage ich mich: Warum erklären sich zum Beispiel die Berliner Philharmoniker noch nicht solidarisch mit unserer Aktion, warum nicht das BR-Symphonieorchester und die Münchner Philharmoniker? Was steckt dahinter? Warum trauen sich diese und andere große Ensembles nicht? Es gibt offensichtlich eine Angst nach dem Motto: Die Hand, die mich füttert, beiße ich nicht. Und dies in einem Land, das Bürgerrechte inklusive Meinungsfreiheit hochhält. Es hätte eine überaus große Wirkung auf die gesamte Kunstbranche, wenn sich die international renommierten Institutionen öffentlich bekennen würden. Staatliche Förderung und Subvention darf in einem demokratischen Land, wie dem unseren, doch nicht im Umkehrschluss zum Maulkorb werden. In voller Verantwortung für die Kunst möchten wir Mut machen, sich zu Wort zu melden, sich zu einer großen und wirkmächtigen gemeinsamen Stimme und Kunst-Lobby zusammenzuschließen und für Werte, die im Grundgesetz verankert sind, mit Leidenschaft und Sachverstand einzustehen.

Hat sich insgesamt am Stellenwert der Kulturschaffenden in den vergangenen Monaten etwas geändert? Oder gibt es nur eine Schönheitskorrektur seitens der Politik, weil man die Kultur jetzt vor den Nagelstudios nennt?

Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: Da hat sich schon etwas geändert, vor allem mit Blick auf die internationalen Entwicklungen. Es bewegt sich langsam in die richtige Richtung. Wenig hilfreich sind allerdings Statements wie das des Berliner Kultursenators und Vorsitzenden der Kulturministerkonferenz Klaus Lederer, der sagt, die Kultur müsse als Erstes wieder aufgesperrt werden, und dann wartet er damit trotzdem bis mindestens Ende März. Gleichzeitig werden von Berliner Häusern Premieren vom infektionstechnisch sichereren Juni auf Dezember verlegt und der Spielplan, ebenso wie in Sachsen, bis Ende der Spielzeit komplett umgestellt. Damit schafft man in vorauseilendem Gehorsam Fakten, ohne das tatsächliche Infektionsgeschehen in die Überlegungen einzubeziehen. Wichtig bleibt immer auch der wissenschaftliche Ansatz. Es wurde mehrfach bewiesen, dass die Kultur gar nicht oder nur minimalst am Infektionsgeschehen teilnimmt. Also kann man sie nur im äußersten Notfall zusperren – und nicht umgekehrt.

Kevin Conners: „Unsere größte Lobby ist unser Publikum - und das haben wir gerade verloren.“

Sind Sie eigentlich enttäuscht, dass sich nicht die oberen zwei Dutzend der Szene, die Superpromis gewissermaßen, Ihnen angeschlossen haben?

Christian Gerhaher: Wir sprechen nur eine Einladung aus und signalisieren, dass wir für etwas sind. Wir sind nicht gegen den Staat oder sind nicht irgendwelche Querdenker. Wir stoßen uns an Missverhältnissen, die wir an geeignetem Ort und zu gegebener Zeit klären lassen wollen. Die Kunst soll nicht als Folge der Corona-Krise mit einer Stimme sprechen, so etwas liefe ihr zuwider. Abgesehen davon: Das Publikum hat noch gar nicht gesprochen.

Kevin Conners: Seit ich in München bin, seit circa 35 Jahren also, ging es der Kulturszene sehr gut – bis zum März 2020. Es gibt kaum einen anderen Ort, an dem zum Beispiel an einem Wochenende 16 Matthäus-Passionen veranstaltet wurden. Deswegen sahen wir vielleicht bis jetzt nicht die Notwendigkeit einer Vernetzung. Unsere größte Lobby ist aber unser Publikum – und das haben wir durch den Lockdown gerade verloren. Es ist noch da, aber sehr still. Wir sind Einzelkämpfer auf der Bühne oder im Orchester oder am Pult. Wenn wir allerdings das Publikum nicht haben, das uns in unserer Arbeit bestätigt, dann ist das für uns sehr schwer. Auch deshalb unsere Idee, zusammen zu einer Lösung zu kommen. Im mehrfachen Sinn wäre es also schön, vom Publikum etwas mehr Applaus zu hören.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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