Filmfest: „Pablo ist nicht behinderter als wir alle“

München - "Me too" eröffnet das Münchner Filmfest. Schauspielerin Lola Dueñas spielt die Hauptrolle in dem Liebesdrama. Im Interview spricht sie über ihren Kollegen Pablo, der unter dem Down-Syndrom leidet.

Durch zwei Rollen wurde Lola Dueñas weltbekannt: als Sole in Pedro Almodóvars „Volver“ und als Rosa an der Seite von Javier Bardem in „Das Meer in mir“, wofür sie ihren ersten „Goya“, den spanischen Filmpreis, als Beste Schauspielerin gewann. Den zweiten „Goya“ bekam sie heuer für die Hauptrolle in dem bezaubernden und berührenden Liebesdrama „Me too – Wer will schon normal sein?“, mit dem heute Abend das Münchner Filmfest eröffnet wird. Wir trafen die herzliche und herzerfrischende 38-Jährige beim Filmfestival von Taormina.

Waren Sie sehr aufgeregt, als Sie gestern hier auf der Bühne Robert De Niro einen Preis für sein Lebenswerk überreichen durften?

Sie hätten ihm ja auch einen Kuss auf die Wange drücken können.

Stimmt, das hätten andere vielleicht gemacht. Aber ich bin leider nicht der Typ dafür.

Sie selbst haben schon mit einer spanischen Schauspiel-Legende gedreht – mit Javier Bardem. Nun spielen Sie in „Me too“ an der Seite eines Laiendarstellers: Pablo Pineda ist der erste Europäer mit Down-Syndrom, der einen Uni-Abschluss geschafft hat. Lassen sich die beiden vergleichen?

Ja. Javier und Pablo waren meine bisherigen Lieblingspartner vor der Kamera. Sie könnten zwar kaum unterschiedlicher sein, aber etwas Entscheidendes haben sie gemeinsam: Beide sind in ihrem Spiel absolut wahrhaftig.

Wie würden Sie Pablo beschreiben?

Er ist ein sehr spezieller Mensch. Anders als alle anderen. Als würde er allein auf einer Brücke leben: im Niemandsland zwischen seiner sogenannten Behinderung und dem, was wir „normal“ nennen.

Er wirkt sehr charmant – und so, als würde er gern flirten.

Ja. Allerdings hat er leider keinen Erfolg damit. Er sehnt sich nach einer Freundin, aber er steht einfach nicht auf Mädels mit Down-Syndrom. Stattdessen verliebt er sich meistens in hoffnungslose Fälle: Während unserer Dreharbeiten hat er sich zum Beispiel in eine Model-Schönheit verguckt, die fast zwei Meter groß war. Klar, dass er bei ihr nicht landen konnte.

Endlich mal zeigt ein Film, dass auch Menschen mit Down-Syndrom ein Bedürfnis nach Zärtlichkeit haben.

Ja! Es gibt zwar zum Thema Freundschaft einen wunderbaren Film namens „Am achten Tag“, aber die Liebe einer Frau zu einem Mann mit Down-Syndrom ist meines Wissens noch nie auf der Leinwand dargestellt worden. Es war uns sehr wichtig, dass diese Liebesgeschichte glaubwürdig rüberkommt.

Wie haben Sie das geschafft?

Zwei Jahre lang haben wir regelmäßig geprobt, die Figuren weiterentwickelt und am Drehbuch gefeilt. Wir hatten so viel Zeit, weil es fast unmöglich war, das Geld für den Film aufzutreiben. Niemand außer uns schien an die Geschichte zu glauben.

Die finanziellen Probleme waren also ein Vorteil für die Beziehung zwischen Ihnen und Pablo?

So würde ich das nicht sagen. Es ist sehr schwer, eine Filmfigur lange Zeit frisch zu halten, wenn man längst darauf brennt, sie auf die Leinwand zu bringen. Jedes Mal, wenn die Finanzierung wieder geplatzt war, haben wir uns aus lauter Frust die Kante gegeben. In diesen zwei Jahren waren wir ziemlich oft betrunken.

Startet jetzt Pablos Schauspiel-Karriere?

Nein, er möchte als Lehrer arbeiten. Es ist allerdings noch nicht sicher, ob er eine Anstellung bekommt. Wenn ich Kinder hätte, würde ich sie ihm sofort anvertrauen.

Was ist das Wichtigste, das er Ihnen beibrachte?

Dass der Unterschied zwischen uns gar nicht so groß ist. Ich bin in mancherlei Hinsicht viel „zurückgeliebener“ als er – Pablo kann zum Beispiel viel besser vor Publikum sprechen als ich. Er ist nicht behinderter als wir alle. Jeder von uns hat doch irgendein Handicap: Der eine sieht schlecht, der andere kann partout nicht mit Zahlen umgehen. Insofern finde ich es unpassend, von Behinderung zu sprechen.

Nun haben Sie zweimal den „Goya“ gewonnen und Robert De Niro die Hand geschüttelt. Haben Sie noch Träume?

O ja, Tausende. Ich würde zum Beispiel gern noch ein paar französische Filme drehen, auf dem Land leben und Kinder großziehen. Aber jetzt freue ich mich erst einmal auf München: auf die Stadt – und darauf, unseren Film dort zu präsentieren!

Das Gespräch führte Marco Schmidt

Rubriklistenbild: © Filmfest

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