Kultur soll unverschämt sein

- Höhepunkt der Internationalen Frankfurter Buchmesse ist in jedem Jahr die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Am kommenden Sonntag wird mit der angesehenen Auszeichnung der Soziologe und Historiker Wolf Lepenies geehrt. Lepenies, Autor verschiedener wissenschaftlicher und kulturhistorischer Bücher, war unter anderem von 1986-2001 Rektor des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Er ist Ehrendoktor der Sorbonne und Offizier der Französischen Ehrenlegion. Sein jüngstes Werk, "Kultur und Politik", stellt die Fragen nach der Rolle der Kultur und der Künstler neu.

Dabei kristallisiert er einzelne Schwerpunkte heraus und beleuchtet beispielsweise die Verhaltensweisen Thomas Manns oder Gottfried Benns, die Wirkung der Ästhetik des Faschismus oder das Scheitern der "interpretierenden Klasse" der ehemaligen DDR. Das Verdienst Lepenies’: Man muss kein Spezialist sein, um sein Buch mit Erkenntnis gewinnendem Vergnügen zu lesen.

Was wird das Thema Ihrer Rede am Sonntag in der Paulskirche sein?

Wolf Lepenies: Darüber möchte ich mich jetzt nicht äußern, sonst muss ich mir eine neue Rede überlegen.

Ihr Buch "Kultur und Politik" will keine Kulturgeschichte Deutschlands sein, sondern "Deutsche Geschichten" zu Politik und Kultur liefern. Worin sehen Sie den Unterschied zwischen Geschichte und Geschichten?

Lepenies: Eine Geschichte des Verhältnisses von Kultur und Politik zu schreiben -das wäre mir ein zu hoher Anspruch gewesen. Mein Thema ist die deutsche Kulturüberheblichkeit gegenüber der Politik. Das ist kein neues Thema, aber ich glaube, ich habe dazu ein paar neue Facetten entdeckt. Dies betrifft insbesondere die Spiegelung der eben beschriebenen Problematik in unseren "auswärtigen Beziehungen", besonders mit Blick auf Frankreich und die USA. Mein Buch lässt sich lesen wie ein Kaleidoskop: Es gibt Leitmotive und Leitpersonen, und in verschiedenen Kontexten kehren sie in immer neuen Konstellationen wieder.

Sie schreiben: "Die Überschätzung und Überhöhung der Kultur führen dabei zu einem eigentümlichen Machtanspruch: Es gehört zur deutschen Tradition, dass sich die Kultur als die bessere Politik missversteht." Wenn das so ist: Wozu braucht denn eine Gesellschaft überhaupt Kultur?

Lepenies: Kultur hat eine wichtige Funktion: Kultur soll unverschämt sein, sie soll keine Kompromisse eingehen, sie soll utopisch sein, sie soll alles wollen und alles sofort. Aber weil sie dies tut und tun darf, darf sie sich nicht überheben gegenüber denen, die in einem Bereich tätig sind, in dem man mit der kleinen Münze der Demokratie rechnen muss, auf Kompromisse bedacht zu sein hat und sich an die kurzen Fristen der Legislaturperioden zu halten hat.

Sie beschreiben die vielfach verhängnisvolle Rolle der Kultur in den vergangenen Jahrzehnten: Seit dem 11. September haben wir eine veränderte gesellschaftliche Wirklichkeit. Hat sich damit nicht auch der Stellenwert der Kultur und der Kulturpolitik verändert? Hat die Kultur nicht doch eine Aufgabe über die Unverschämtheiten und Bedingungslosigkeiten hinaus?

Lepenies: Die utopische Aufgabe der Kultur ist geblieben. Sie muss Dinge zusammendenken, die wir jetzt und in diesem Moment politisch nicht zusammenführen können. Nur soll die Kultur nicht erneut glauben, es ließen sich Probleme, die wir im Bereich der Politik lösen müssen, im Bereich der Kultur lösen. Sie schreiben von der "heilsamen Wirkung der Ironie in der Politik": Sehen Sie in der aktuellen Politik irgendwo Ansätze dazu?

Lepenies: Ich sehe in der Politik wenig Ironie. Das ist bedauerlich, weil Ironie natürlich auch das Zeichen eines starken, sich aber nicht überschätzenden Selbstbewusstseins sein kann. Daran fehlt es bei uns. Zur Ironie fehlt es uns an der Stärke unserer Grundüberzeugungen.

Der Begriff Kulturpolitik -ist der nicht ein Widerspruch in sich? Wenn man Ihr Buch liest, fragt man sich: Wird Kulturpolitik überhaupt gebraucht?

Lepenies: Natürlich brauchen wir eine Kulturpolitik. Ich hatte einmal die Chance, in diesem Bereich ein politisches Amt zu übernehmen -als Nachfolger von Michael Naumann -und habe ein entsprechendes Angebot ausgeschlagen. Vielleicht hätte ich mich dieser Herausforderung stellen sollen. Manchmal denke ich, das Amt des Kulturstaatsministers sollte über gar keinen eigenen Etat verfügen. Es sollte, so hieß das einmal im 18. Jahrhundert, eine "Denkkammer" sein und sich darauf beschränken, Ideen zu entwickeln und andere davon zu überzeugen, sie umzusetzen. Michael Naumann hat dies, wie ich finde, überzeugend gemacht. Meine Vorstellung ist natürlich zu idealistisch; sie rechnet damit, dass der Geist die Macht letztendlich doch beeinflussen kann. Zugleich denke ich, dass wir sowohl in der Wissenschafts- wie in der Kulturpolitik eine stärkere Zentralisierung und eine nationale Komponente benötigen. Wir brauchen in Deutschland eine stärkere Gesamtverantwortung für die Kultur -ohne den Ländern ihre verfassungsmäßigen Rechte zu beschneiden. Dies ist nicht zuletzt wichtig, weil Deutschland in Brüssel, wo immer mehr entschieden wird, stärker mit einer Stimme sprechen sollte. Ich hielte es auch für sinnvoll, die "innere" und die "auswärtige" Kulturpolitik zusammenzuführen.

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