Kulturkosmos der Renaissance

München - Auf 1558 ist das Geburtsjahr der Bayerischen Staatsbibliothek, heute eine der wichtigsten Universal- und Forschungsbibliotheken Europas, festgelegt. In Bayern herrschte der Wittelsbacher Herzog Albrecht V. (1528- 1579), ein echter Sohn der Renaissance: kunstsinnig, wissbegierig, selbstbewusst. Man war durchaus noch so tiefreligiös wie im Mittelalter, wollte aber doch endlich die Welt, das irdische Dasein in aller staunend bewunderten Vielfalt umarmen.

Die Herrscher damals taten das mit Vorliebe in Wunderkammern. Gesammelt wurde Kunst, Kuriositäten und alles, was man für wissenswert hielt - und was Gäste beeindrucken konnte, also der Repräsentation des Regenten diente. Dazu gehörten auch Bücher, die seltene Luxusobjekte waren.

Die Bayerische Staatsbibliothek feiert ihr 450-jähriges Bestehen mit einer fulminanten Bücher-Präsentation

Albrecht liebte sie natürlich und kaufte deswegen wie seine Nachkommen weitere Bibliotheken hinzu. Vor 450 Jahren war es soweit. Der Herzog konnte die einzigartige orientalische Bücher-Sammlung von Johann Albrecht Widmanstetter erwerben: Man besaß jetzt im Alten Hof eine Hofbibliothek. Zu jenen Ursprüngen geht die Ausstellung "Kulturkosmos der Renaissance - Die Gründung der Bayerischen Staatsbibliothek" zurück. Durch diese zentrale Veranstaltung im Jubiläumsjahr mit all seinen Aktivitäten von Vorträgen bis Fortbildung (www. bsb-450jahre.de) vergegenwärtigt die "Stabi" dem Besucher von 2008, wie unvergleichlich kostbar das Buch war im Vergleich zur heutigen bedruckten Massenware.

1571 wurde die Hofbibliothek mit dem Konvolut von 10 000 Bänden aus dem Besitz von Johann Jakob Fugger zu einer der umfassendsten ihrer Zeit. Von der Bibel bis zum Koran, vom Fechtbuch bis zu medizinischen Erläuterungen, von Turnierbeschreibungen bis zu jüdischen Aphorismen, von Architekturtheorien bis zur Dichtung - die Welt wurde umschlungen, inklusive aller Sprachen vom Griechischen übers Italienische bis zum Syrischen; selbst ein präkolumbianisches Buch findet sich.

Die "liberei", wie Albrecht sie nannte, war längst so groß, dass sie mehr Platz brauchte. Im neuen Antiquarium (Residenz) fand sich ein repräsentativer Standort. Mit dem Fugger-Schatz war auch die Sammlung des Arztes Hartmann Schedel mit der berühmten Weltchronik nach München gekommen und später noch die Musik-Bücher von Johann Heinrich Herwart und Johann Georg von Werdenstein. "Stabi"-Spezialistin Béatrice Hernad forschte jahrelang akribisch, welches Buch nun zu welcher Sammlung gehörte, um in der Ausstellung die Entstehungszeit, das Wachstum der Hofbibliothek deutlich zu machen.

Wir genießen jetzt bei leiser Renaissance-Musikberieselung den Anblick vieler Werke, die noch nie gezeigt wurden. Was immer wieder frappiert, ist die unglaubliche Frische der jahrhundertealten Farben. Denn natürlich machen die vielen Illuminationen den Hauptreiz der Bücher aus. Ob Madonna, die gerade Jesus die Brust gibt (Furtmeyr-Bibel), ob eine farbberstende Turnier-Szene ("De arte athletica"), ob die hinreißend gut - besser als jedes Foto - gemalten und anmutig umrahmten Schmuckstücke der Herzogin Anna ("Kleinodienbuch") oder das Boccaccio-Werk "Des cas des nobles hommes et femmes", die Bilder faszinieren mit Dynamik, Erzählfreude und Informationsreichtum.

Den enthalten besonders die Bände, die wir als Fachbücher bezeichnen würden. Fechtpositionen und militärische Geräte werden erklärt, aber auch naturwissenschaftliches Wissen um Tiere, Heilpflanzen oder Krankheiten. Selbst ein Ingenieur von einst, Mariano Taccola, hat seine Kunstfertigkeiten vereweigt ("De ingeneis").

Sammelte man Kabbala und Koran, um Weltläufigkeit zu demonstrieren, so waren Bibel, Brevier und Gebetbuch persönliche Herzensangelegenheiten - und doch Preziosen. Wer kann schon wie Kaiser Maximilian I. von sich sagen, dass in sein Gebetbuch Albrecht Dürer und Lucas Cranach d.Ä. hineingezeichnet haben?

Bis 1. Juni,

täglich 10-18 Uhr, Do. bis 20 Uhr, an den Feiertagen geschlossen; Katalog: 29 Euro.

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