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Sitzen wir bald so im Theater? Blick in den Zuschauerraum des Wiesbadener Hauses, wo gerade eine Sparversion der Maifestspiele läuft.

NEUSTART FÜR THEATER UND KONZERTHÄUSER

Umstrittene Empfehlungen: Wege aus dem Kulturwinter 

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München/Wiesbaden - „Auf meinem nächsten Flug stehe ich einfach auf und singe vor den Passagieren – weil ja kein Ansteckungsrisiko besteht.“ Sonya Yoncheva ist sauer. Die Sopranistin hat ihrem Ärger auf Twitter Luft gemacht. Sie hat – wie viele andere – zwei Fotos gesehen, die in den Sozialen Netzwerken gegenübergestellt werden. Einmal eine volle Lufthansa-Maschine und einmal das erschreckend leere Staatstheater Wiesbaden – wo nur 200 statt 1041 Besucher einem Konzert lauschen. Was einem Luftfahrtunternehmen erlaubt ist, soll also der Kultur verboten sein?

Bariton Michael Volle ist mit seiner Frau, der Sopranistin Gabriela Scherer, gerade in Wiesbaden aktiv, sie singen Ausschnitte aus Wagners „Fliegendem Holländer“ und Strauss’ „Arabella“. Volle fühlt sich – gelinde gesagt – verladen. Was die Abstandsregelung betrifft, werde im Vergleich zum Flugzeug mit zweierlei Maß gemessen: „Das kann doch nicht sein, wir werden da in den verlängerten Rücken getreten.“ Und die Situation im lückenhaft besetzten Haus? „Es ist sehr schwierig, um nicht zu sagen traurig“, meint Gabriela Scherer. „Andererseits hören die Menschen hochkonzentriert zu, sind unglaublich wohlwollend. Manche haben sogar geweint.“ Bei aller Dankbarkeit, dass man wieder auftreten könne: „Es kann und muss eine Notlösung bleiben“, sagt Volle.

Abstandsregeln und Aufnahme des Probenbetriebs

Wiesbaden hat die Nase vorn mit dem Ausstieg aus dem Theater-Lockdown. Seit vergangenen Montag läuft das Ersatzprogramm für die Maifestspiele. Szenische Aufführungen gibt es keine, dafür Häppchen aus Opern, vom Klavier begleitet. Oder, wie im Falle von Günther Groissböck, einen Liederabend. „Man fühlt sich wie im falschen Film“, sagt Groissböck. „Von Lied zu Lied entstand dann aber eine Art Intimität. Es ist irgendwie befreiend, so absurd die Situation auch ist.“

Alles spricht dafür, dass das Wiesbadener Modell mit den schütter besetzten Reihen auf andere Theater Anwendung findet. Die Kulturminister von Bund und Ländern haben nämlich Vorschläge veröffentlicht, wie die Häuser trotz Pandemie öffnen könnten. „Es ist Zeit für einen Neustart für Kunst und Kultur unter den veränderten Bedingungen“, teilte Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) als Vorsitzender der Kulturministerkonferenz mit.

Das Papier empfiehlt diverse Eckpunkte. Kontaktdaten von Besuchern sollen erfasst werden. Es gilt ein Abstand von 1,5 Metern, Sitze und Reihen werden dafür freigelassen. Auch die Künstler auf der Bühne sollen Distanz halten. Die Liste stellt eine Vorlage für Beratungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten dar.

Empfohlen wird von den Kulturministern überdies eine „zügige Wiederaufnahme des Probenbetriebs“. Damit wird quasi offiziell abgesichert, was die Theater in Bayern ohnehin vorhaben. An der Bayerischen Staatsoper bemüht man sich neben den Montagskonzerten gerade um ein zweites Format, am Volkstheater soll wie berichtet in ein paar Wochen nach vorgezogenen Theaterferien ein Sommerprogramm starten.

Veranstaltungen, die maximal 90 Minuten dauern 

In München zeichnet sich derzeit ziemlich konkret ab, unter welchen Bedingungen Veranstaltungen durchgeführt werden. Dazu hat der Verband der Münchener Kulturveranstalter (VDMK) unter anderem mit Staatsoper, Residenztheater, Volkstheater und Münchenmusik einen umfangreichen, detaillierten Leitfaden für ein Hygienekonzept erarbeitet. Auch hier ist von 1,5 Metern Abstand die Rede. Überdies werden für die erste Phase der Wiedereröffnung pausenlose Veranstaltungen von 60 bis maximal 90 Minuten Dauer empfohlen. Besucherströme müssten gezielt gelenkt werden, gegebenenfalls mit bestimmten Einlasszeiten. Garderoben sollten geschlossen bleiben.

Masken sind beim Betreten des Hauses bis zum Verlassen Pflicht. Nur während der Aufführung, wenn die Besucher auf ihren Plätzen sitzen, können diese abgenommen werden. In der ersten Phase der Wiedereröffnung sollten zusätzlich alle Besucherdaten erfasst werden. Auch für die Situation auf der Bühne legt der VDMK Regeln vor. Ein Zwei-Meter-Abstand für Sänger, Tänzer, Dirigenten und Bläser inklusive Plexiglas-Scheiben sei wichtig. Grundsätzlich sollen 1,5 Meter gelten. „Je nach körperlichem Einsatz der Schauspieler und Sänger bedarf es eines größeren Abstands von bis zu sechs Metern“, heißt es im Leitfaden. Gegebenenfalls brauche es Trennwände.

Dies alles gilt wohlgemerkt nur für Veranstaltungen drinnen. Auch deshalb sind die Anbieter von Open Airs fein raus. Wie berichtet, wird das Orchesterfestival im niederösterreichischen Grafenegg mit seiner „Wolkenturm“-Bühne im August stattfinden können. Und auch Günther Groissböck will das nutzen. In seiner Heimatstadt Waidhofen an der Ybbs, ebenfalls in Niederösterreich gelegen, lässt er am 13. August ein ganz besonderes Freiluftkonzert steigen. Im dortigen Stadion singt er Ausschnitte aus Wagner-Opern und lässt sich dabei von der örtlichen Trachtenmusikkapelle begleiten. „Das sind tolle Musiker, die dann ganz spezielle Arrangements spielen werden“, sagt der Bassist, der in diesem Sommer auf dem Grünen Hügel eigentlich sein Wotan-Debüt geben wollte. „Das wird dann eben unser Bayreuth-Ersatz.“

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