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Treffend gekleidet und ausdrucksstark: Die Handfiguren der Nürnberger Thalias Kompagnons im Salzburger Schauspielhaus.

Aus dem Kulturwurzelgeflecht

Salzburg - Mit Raimunds „Mädchen aus der Feenwelt“ öffnen sich die Salzburger Festspiele den jungen Zuschauern. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Ist es für das „Original-Zaubermärchen“ von Ferdinand Raimund (1790-1836) das Beste, als Puppenspiel aufgeführt zu werden? Wenn der Zuschauer jetzt die Aufführung des „Mädchens aus der Feenwelt oder Der Bauer als Millionär“ bei den Salzburger Festspielen durch die Nürnberger Thalias Kompagnons sieht, dann muss er höchst animiert zustimmen (dritter Koproduzent Tafelhalle Nürnberg). Premiere hatte das Projekt von Joachim Torbahn und Tristan Vogt nach dem Biedermeier-Stück im Schauspielhaus Salzburg (Erzabt-Klotz-Str. 22).

Damit hat der neue Schauspielchef der Festspiele, Sven-Eric Bechtolf, weitere ihm wichtige Signale gesetzt: Mit dem Puppenspiel erinnert er an eine der am tiefsten reichenden Wurzeln der Theaterkunst und regt zugleich Eltern oder Großeltern dazu an, Kinder mit ihr vertraut zu machen. Und mit dem Ort an sich erweist er dem größten freien Theater Österreich die Reverenz.

Mit diesem „Mädchen aus der Feenwelt“ lässt sich außerdem ein weiterer Theaterursprung nachvollziehen. Aus der Leere erschafft die Fantasie von Spielern und Publikum eine neue Welt. So stehen am Anfang der Aufführung: eine leere Bühne nur mit Piano und Percussioninstrumenten inklusive Waschmaschinentrommel sowie eine leere Leinwand und ein leeres Regal. Der Clou ist, dass darin eine Kamera festgeschraubt wurde, die Bilder oder Aktionen überträgt.

Da gibt es Regalbretter, die Theatervorhang, Feenpalast, Wald oder Stadthaus zeigen. Regalbrett raus = Vorhang auf, wüstes Musikgetöse – und Publikumsgeschwätz über Selbiges. Wir sind schließlich bei den Salzburger Festspielen. Die guten Geister, die Fee Lakrimosa eingeladen hat, um ihr zu helfen, sind da nicht anders als wir. Während ihre Gäste im Regal herumwursteln, taucht die Dame als Mischung aus indischer Göttin (blaues Gesicht) und Dekopuppe hinter dem transparent gewordenen Projektionsvorhang auf. Kurzum, alles wird bespielt und spielt mit.

Auch die schwarz gewandeten Puppenführer Susanne Claus, Lutz Großmann sowie die Regisseure Joachim Torbahn und Tristan Vogt. Sie haben nicht nur putzige weiße Flügerl am Rücken, sie fliegen auch munter durch Raimunds Feenmärchen über Bescheiden- und Zufriedenheit, ohne sich ihm untertänig hinzugeben. Vom Text her zum einen, zum anderen, indem stets Verfremdungseffekte als Hallo-Nachdenken-Ausrufungszeichen eingezogen werden.

Die kleineren und größeren Handfiguren sind nicht aufwändig, dafür treffend gekleidet– und vor allem im Gesicht ausdrucksstark. Schöpfer Torbahn hat obendrein darauf geachtet, uns ein historisches Puppen-/Masken-Potpourri zu bieten: vom afrikanischen Fetisch über den Weißclown bis hin zur 1920er-Jahre-Dame. Natürlich gibt es die freie Erfindung etwa beim Hass im Recycling-Vlies, beim Quadratschädel Fortunatus Wurzel (Bauer) oder bei Lottchen, seiner arg hohläugigen Tochter – als gäb’s kein Happy-End. Dann wieder freut man sich über das Gesicht der Zufriedenheit, das wunderbar den „Brücke“-Expressionismus zitiert.

All das fügt sich fröhlich und klug in Ferdinand Raimunds Märchen. Dafür sorgen die nie zu schmiegsam agierenden Puppenführer. Dafür sorgt obendrein die Musik von Werner Treiber und Peter Fulda, die ihren modernen Weg ohne Biedermeierseligkeit gehen. So fällt, was schade ist, das „Brüderlein fein“ miniknapp aus, und das Aschen-Lied von Wurzel mutiert zu Melange aus Wiener Lied- und Operetten-Zitaten. Nicht dumm – und doch ein Verlust. Schön hingegen die Dialekte. Bei Raimund ist ja schon der schwäbische Magier Ajaxerle angelegt. Jetzt haben wir – Verneigung vor Nürnberg – in Wurzel einen Fränkisch-Babbler, und Sachse samt naturgemäß Österreicher kommen ebenfalls zu (nicht perfekt sitzendem) Dialektwort.

All das ist vitales, von kleinen Schwächen abgesehen (schon wieder der „böse“ Josef Ackermann) hintersinniges und lustiges Theater aus dem Kulturwurzelgeflecht der Menschheit. Für Jung und Alt.

Simone Dattenberger

Weitere Vorstellungen

10., 13. bis 17. August, Karten unter Telefon

0043/ 662/ 8045-500;

Zusätzlich zeigen Thalias Kompagnons „Kafkas Schloss“ aus ihrem Repertoire vom 19. bis 21. August, ebenfalls im Salzburger Schauspielhaus.

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