Mit der Kunst die Freiheit gerettet

- 30 Reichsmark war sie den Nationalsozialisten damals wert: Die "Landschaft am Meer" schillert in prächtigen Farben, die Perspektiven verschränkt, Palmenwischer ragen in den Himmel, zwei menschliche Silhouetten im heißen Bunt. Heute unbezahlbar. Dass solch eine Bündelung der Tunis-Eindrücke August Mackes, solch konzentriertes Idyll als "entartet" verschleudert wurde - es ist immer noch unverständlich.

So sahen es 1939 auch Sofie und Emanuel Fohn. In einer grandiosen Tauschaktion konnten sie 30 Gemälde, 220 Arbeiten auf Papier und zehn Mappenwerke, alles Meilensteine der Moderne, sichern. Sie taten es nicht, weil sie von ihren Malerkollegen so begeistert waren. Sie taten es auch nicht aus grundsätzlich politischem Engagement. Und ganz sicher taten sie es nicht aus finanziellem Interesse oder Spekulation. Die Fohns retteten die junge Kunst, weil ihnen die Freiheit des Menschen, die Freiheit der Kunst und Kultur über alles ging. Eine Haltung, die nicht nur während des Faschismus einen einzigartigen Vorbildcharakter hat.

1964 wurde der Schenkungsvertrag mit den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen unterschrieben. Die Sammlung bildet den Grundstock der Münchner Pinakothek der Moderne und wird als Appell zusammenhängend präsentiert. Sie darf nur dann angetastet werden, wenn dafür junge Kunst unterstützt wird. Wieder ein erstaunliches Stück Ethik, das das Malerehepaar verankerte. Denn eigentlich waren die Fohns eher Konservative, die sich seit 1933 in Rom vor allem um die Bilder der Deutsch-Römer kümmerten, eine Sammlung in Olevano einrichteten und Romantiker erstanden. In einem relativ spontanen Entschluss bot das Paar den deutschen Machthabern die heiß geliebte Romantik zum Tausch gegen die verfemten Bilder an - eine unwiderstehliche Offerte. Sie stürzte die Nazis allerdings in ein Dilemma: Seit Jahren hatten sie Werke konfisziert und gegen Devisen verschleudert. Um hier ein gutes Geschäft zu machen, mussten sie die als wertlos und negativ angeprangerte Kunst nun einer Schätzung unterziehen. Ideologische Maßstäbe führten dann zu abstrusen Beurteilungen.

80 Reichsmark für Otto Dix' Säugling (1924): Schielend, mit verknautschtem Gesicht, entsprach er nicht den Idealvorstellungen. Die Kupplerin (1923) ist eine weitere wahre Studie des großen Sozialkritikers. Kokoschkas stehendes Mädchen (1922) ist in düsteren Pinselschlägen festgehalten: 50 Reichsmark. Die Liste der Tauschobjekte ist das Lexikon des Aufbruchs: Feiningers transzendente Architektur, Corinths späte, wild bewegte Walchensee-Landschaften, Schieles schräge Porträts, Beckmanns bedeutungsschwangere Mondlandschaft (1934), schließlich Kirchners Kokottenkopf (1909/10) mit Ockergesicht und schrillem Federhut.

Die Fohns wählten die Werke aus, die für sie große Malerei verkörperten - und retteten damit die Inkunabeln der Moderne. 50 empfindliche Arbeiten auf Papier sind nun zusätzlich zu sehen. Darunter auch Franz Marcs Postkarten, die die prismen- und gleichnishafte Tierwelt des Künstlers zuspitzt. "Der Turm der blauen Pferde" überlebte so im Miniformat als Relikt einer ganzen Kunstbewegung.

Bis 23. April, Katalog 5,50 Euro, Tel. 089/ 23 80 51 95.

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