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"Kunst nach 1945": Das Lenbachhaus krempelt seine Ausstellung um.

"So ein Ding muss ich haben"

"Kunst nach 1945": Lenbachhaus krempelt Abteilung um

München - Das Lenbachhaus hat seine Abteilung „Kunst nach 1945“ total umgekrempelt – mit beeindruckendem Erfolg.

„Nicht wegräumen“, mahnt Iris Winkelmeyer schmunzelnd. Die Chefin der Restauratoren im Münchner Lenbachhaus hatte den scharfen Blick bemerkt, der den Wischmopp im Foyer zwischen Alt- und Neubau streifte. Aber klar, dieses leicht silbrige Putz-Utensil muss Kunst sein. Genau das steht programmatisch für die Abteilung „Kunst nach 1945“. Denn die Städtische Galerie hat tatsächlich dort fast alles, was vor zwei Jahren installiert wurde, hinausgewischt und überrascht nun ihre Besucher mit einer neuen Dauerschau. Aus den eigenen Beständen. Eva Huttenlauch, jetzt ein Jahr lang Leiterin jener Abteilung, hatte freie Hand: sich erst einmal durchs Depot zu ackern (Werke von 700 Künstlern) und zum anderen, ihrem unvoreingenommenem Auge zu vertrauen. Herausgekommen ist, was alle Besucher über das Lenbachhaus denken: „So ein Ding muss ich haben“.

Das ist das Motto der neuen Dauerausstellung, die in zwei Jahren wieder umgemodelt wird. Der Titel bezieht sich nicht allein auf die Lust an Kunst – deswegen soll im Museum nie der Humor vergessen werden (siehe Benjamin Bergmanns obigen Mopp) –, sondern eigentlich auf einen Film von Albert Mertz. Die verrückte Collage aus Doku und Hitchcockigem Schocker entstand 1961 in München, und zwar im Umfeld der vogelwilden Künstlergruppe SPUR. Die junge Kunsthistorikerin Huttenlauch versteckt also nicht das angeblich so konservative München, sie arbeitet ganz im Gegenteil ein anarchisches, groteskes, hinterfotziges Stück Bayern heraus. Überhaupt legt sie einen gewichtigen Schwerpunkt auf Kunst aus und für München und beweist, dass sich Lokalpatriotismus und Weltläufigkeit dabei ganz entspannt treffen.

Krusch, Kram und Graffl sind versammelt

So mochten die SPURler Heimrad Prem, Lothar Fischer, HP Zimmer und Helmut Sturm den alten Russen Kandinsky genauso wie den vergleichsweise jungen Dänen Asger Jorn. Und sie waren radikal und so ungeniert, dass sie die Justiz wegen „Gotteslästerung“ und „Pornografie“ verurteilte. Drei Räume sind ihnen und ihrem Umfeld samt Manifest gewidmet. Beeindruckend ist bis heute die Kraft ihrer Bilder. Da explodieren Sparifankerl und andere Dämonen in Farb-, Formen- und Materiallust, ergänzt um die Gemeinschaftsarbeit SPUR-Bau.

In seiner bunten Verspieltheit, seiner heiteren Zwecklosigkeit und utopischen Fröhlichkeit weist dieses spiralige Riesenpilz-Gebäude auf die einzige Installation in den neu eingerichteten Räumen hin: auf Hans-Peter Feldmanns „Laden 1975–2015“, eine Dauerleihgabe, die das Lenbachhaus erwerben möchte. Krusch, Kram und Graffl von der Kuckucksuhr über Loriot-Figürchen und Segelschiffmodell bis zum Dalí-Nippes ist auf jedem Millimeter dieser einstigen Düsseldorfer Verkaufs-Oase der seligen Sinnlosigkeit versammelt. Ist das ein perfider Frontalangriff aufs Museum, das schließlich auch sammelt? Wo liegt der Unterschied? Das Museum hat diesen Brocken genüsslich geschluckt – und wir haben viel Gaudi mit dem „Laden“.

Ausstellung bietet auch Ruhezonen

Neben solch hinterkünftigen, optisch knackigen Denk-Späßen bietet der Bereich „Kunst nach 1945“ immer wieder Ruhezonen. Eine sensationelle Wiederentdeckung sind die Arbeiten von Heinz Butz, die in den späten Sechzigern entstanden. Ein Überblick über sein konkretes Œuvre – er begann als Landschafter – macht einem das Herz froh und den Geist leicht. Bilder, oder soll man sagen: Wandskulpturen, erproben die Freiheit – mal als Kreisscheibe, mal mit umklappbaren Ecken, mal als Stab oder als Zacken-Wesen. Zu dieser himmlischen Losgelöstheit passen die Räume von Rupprecht Geiger, Marcia Hafif, Charlotte Posenenske oder sogar von Karin Sander. Sie bringt wieder das Augenzwinkern ins Spiel, etwa mit ihren Post-Bildern (ab 2010): unausgepackte Gemälde, die immer weiter verschickt werden können.

Wer es etwas handfester, besser: erdiger möchte, ist mit bayerischer Land Art gut bedient. Hannsjörg Voths „Feldzeichen“ hatte 1975 bei Zorneding maibaumartige Pfähle zu einer rätselhaften Kult-Stätte aufgeladen, und Nikolaus Lang „malte“ 1987 mit den Erden selbst. Und bei dem Foto von Michael Heizers „Munich Depression“ (1969), einem Erdkrater für Neuperlach, vermisst man schon sehr den Mut Münchens, zu solchen Landmarken dauerhaft zu stehen.

Simone Dattenberger

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