+
„Ich kann doch nicht Theater nach Marktanalysen machen“: Klaus Zehelein, Präsident der Theaterakademie und des Deutschen Bühnenvereins.

„Kunst ist nicht steuerbar“

München - Klaus Zehelein, Präsident der Theaterakademie, über die Finanzdebatte, Sänger-Stars und unzeitgemäßes Theater

Er ist einer der wichtigsten Theatermacher der letzten Jahrzehnte. An der Frankfurter Oper ermöglichte er als Chefdramaturg und Operndirektor legendäre Aufführungen (1977 bis 1987). Unter seiner Intendanz, die von 1991 bis 2006 dauerte, wurde die Stuttgarter Staatsoper zum ausstrahlungsstärksten deutschen Musentempel. Und seit 2006 kümmert sich Klaus Zehelein in München um die Wurzeln der Theaterarbeit - als Präsident der Bayerischen Theaterakademie. Am kommenden Sonntag feiert dieser streitbare und diskussionsfreudige Ermöglicher seinen 70. Geburtstag.

-Wenn derzeit über Theater diskutiert wird, dreht sich spätestens der zweite Satz um die Finanzierung...

Das halte ich von politischer Seite her für sehr verhängnisvoll. Und wenn Intendanten in diese Diskussion einstimmen, vergessen sie unter Umständen, warum sie überhaupt Theater machen. Wir müssen uns durch unser Tun beweisen, da hilft ein gebetsmühlenartiges „Wir haben zu wenig Geld“ wenig. Die Frage nach der Machbarkeit, nach der Vorausberechnung spukt leider bei vielen Politikern im Kopf herum. Aber sie lässt etwas außer Acht: Kunst ist nicht steuerbar. Jede Auseinandersetzung mit Kunst ist ein Risiko.

-Wurde es an den Theatern, an denen Sie tätig waren, finanziell immer enger? Gab es jemals eine Phase des „Alles geht“?

Zu meiner Zeit nicht mehr. Sicher: Als ich in Kiel 1966 anfing, stand die Finanzfrage nicht so im Vordergrund. Es gibt derzeit eine Tendenz in der Öffentlichkeit, die das Theater dazu zu zwingen scheint, seine Existenz begründen zu müssen. Andererseits ist das auch gut so. Ich halte nichts von dem Satz: „Kultur ist ein Nahrungsmittel.“ Dass Theater ihre Anstrengungen rechtfertigen müssen, ist prinzipiell gar nicht schlecht. Und diese Selbstbefragung ist das Einzige, was die jetzige Finanzmisere erträglich macht.

-Aber wie frei ist ein Theater abgesehen von finanziellen Gesichtspunkten? Muss es nicht gewisse Regie-Moden bedienen oder bestimmte Sänger-Stars bringen?

Ich glaube das überhaupt nicht. Ich bin ein Freund des Nietzsche-Begriffs vom „Unzeitgemäßen“. Also nicht auf der Welle des Zeitgeistes reiten oder Bestenlisten von Besetzungen durchgehen oder nach dem Publikumsgeschmack schielen. Ich kann doch nicht nach Marktanalysen Theater machen!

-Trauern Sie Ihrer Intendantenzeit nach?

Ich war über 30 Jahre meines Lebens in leitender Position an Theatern. Ich wollte dann etwas ganz Neues machen und fand, dass die Lehre genau das Richtige war. Natürlich ist eine Akademie von der Organisation her total anders. Die notwendige und richtige Autonomie der an der Bayerischen Theaterakademie beteiligten Hochschulen setzt auch oft Grenzen für die anzustrebende kollektive Ästhetik der Theaterarbeit. Als Intendant und Alleinverantwortlicher hat man es da schon einfacher.

-Wenn Sie die kulturellen Biotope vergleichen, in denen Sie arbeiteten: Ist Akademiepräsident in München eine Position auf der Insel der Seligen?

Mitnichten. Auch wir müssen 20 Prozent des Sachetats einsparen wie andere staatliche Institutionen. Es ist schwierig: Wir werden etwa vom Gebäude-Unterhalt wie ein Museum und nicht wie ein Theater behandelt, obwohl wir etwa 100 eigene und durch Vermietung 320 weitere Aufführungen durchführen. Das ist eine eigenartige, problematische Zwitterstellung. Dennoch: Es geht uns sicherlich verhältnismäßig gut.

-Der Dirigent Ingo Metzmacher meinte neulich, er habe nie wieder eine so ideale Kulturpolitik wie mit Kultursenatorin Christina Weiss in Hamburg erlebt. Haben wir es derzeit auch mit einer Krise der Kulturpolitik zu tun?

Ich denke, dass die jetzige Politikergeneration zu großen Teilen eine andere Sozialisation hatte als ihre Vorgänger. Das muss man ihnen nicht aufs Butterbrot schmieren, eher sollte man im Interesse der eigenen Institution und der Künste gelassen und sogar einfühlsam mit ihnen umgehen. Deshalb sollten die Verantwortlichen in den Theatern viel mehr Kontakte zu ihren Entscheidern halten. Ich war gerade auf dem 85. Geburtstag des früheren Frankfurter Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann eingeladen. Das war ein Politiker, der erfahren hat, dass die Auseinandersetzung mit den Künsten für ihn etwas ganz Entscheidendes in seinem Leben bedeutet hat.

-Inwieweit müssen sich die Häuser bei der Werbung und beim Marketing ändern?

Da hat sich ja schon viel getan. Vor dreißig Jahren glaubten wir noch: Entweder unser Tun spricht für sich selbst, oder wir haben Pech gehabt. Wir müssen also auch auf vermittelnde Arbeit setzen, die die Lust an der Kunst weckt. Und vermitteln kann ja etwas ganz Sinnliches sein.

-Zu befürchten ist aber, dass man sich dann nur noch um die Verpackung von Kunst kümmert.

Sie haben Recht: Wenn ich manche pädagogische Anstrengungen sehe, dann führen die zu den Institutionen hin - und nicht zu dem, was diese leisten, nämlich zur Kunst. Es gibt aber auch andere Ansätze. Wir haben ja einen Master-Studiengang entwickelt, der sich genau mit dieser Problematik befasst und der im Ministerium zur Entscheidung liegt.

-Derzeit wird alle sechs Monate von Netrebko bis Kaufmann ein anderer Star über den Sängermarkt getrieben. Bleibt da beim Publikum etwas hängen? Profitieren denn die Theater wirklich davon?

Ja, ich sehe das gar nicht so negativ. Ich halte es dennoch für ein Problem, wenn der Schwerpunkt der Opernarbeit durch Namen bestimmt ist. Wir hatten in Stuttgart zum Beispiel Catherine Naglestad oder Eva-Maria Westbroek im Ensemble, die sich dort zu Stars entwickeln konnten. Das finde ich für eine kontinuierliche Opernarbeit absolut wichtig.

-Warum haben Sie, der stets so inhaltlich gearbeitet hat, sich nicht öfter in den Regiestuhl gesetzt?

Ich habe das zweimal in Stuttgart getan. Zu Beginn meiner Intendanz 1991 bei „Così fan tutte“, als mich aus unterschiedlichen Motiven der Regisseur und der Dirigent verlassen haben. Dadurch konnte ich das Haus unheimlich gut kennenlernen. Das war also eine Notgeschichte. Ebenso wie 2006 „Aeneas in Karthago“ als Peter Konwitschny sehr krank wurde. Es gibt gewiss inszenierende Intendanten, denen die Doppelaufgabe zuzutrauen ist. Für mich kam das aber nie infrage, ich habe das nicht gelernt.

-Was kommt nach der Theaterakademie?

Da wird sich schon etwas finden. Momentan erfüllt mich die Akademiearbeit doch sehr. Ich habe mir zum Beispiel in diesen Festspielwochen nichts angeschaut. Einfach weil ich nun lehre, dabei nicht aus einem Fundus schöpfen will, mich also sehr gut vorbereiten muss. Ich lehre auch, weil ich noch was erfahren will.

- Und wie sah Ihre künstlerische Ersterfahrung aus?

Ich hatte mit sechs meinen ersten Klavierunterricht. Eine typische Situation, weil mich meine Mutter immer fragen musste: „Hast du auch geübt, Klaus?“ Später hatte ich eine wunderbare Lehrerin und lernte neuere Werke kennen. Von familiärer Seite her bin ich eher mit Kirchenmusik in Berührung gekommen. Und nun drehte sich auf einmal alles um Bartók und andere Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ein wahnsinniges Feld tat sich da auf.

-Kommen Sie noch zum Klavierspielen?

Sagen wir’s mal so: Meine Tochter, wenn sie aus Paris kommt, spielt öfter als ich.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare