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Tanz der Fragmente: Andreas von Weizsäcker überzog Reiter-Plastiken mit nassem Büttenpapier, nach dem Trocknen zerlegte er die Hülle – das Ergebnis: „Contrade dell’Arte“.

Der Kunst-Pferdeflüsterer

München - Attacke auf den Gründerzeit-Pomp: Die Pinakothek der Moderne erwarb eine wunderbare Rauminstallation Andreas von Weizsäckers

Ist da in der Pinakothek der Moderne ein weißes Rössl zu Bruch gegangen? Vor einem Sockel liegen jedenfalls gipsfarbene Pferdeköpfe und -beine herum wie Relikte eines gestürzten Pegasus. Aber der klassizistische Trümmerhaufen ist gewollt: „Contrade dell’Arte“ heißt dieses 2003 entstandene Werk Andreas von Weizsäckers (1956- 2008), das jetzt mit Unterstützung der Hypo-Kulturstiftung von den Staatsgemäldesammlungen erworben wurde.

Der früh verstorbene Bildhauer (ein Sohn Richard von Weizsäckers), der mit Beate Passow in München „Wunden der Erinnerung“, also Kriegs-Spuren an Gebäuden sichtbar machte, ist alles andere als ein künstlerischer Pferdemetzger: Die beiden bronzenen Reiter-Plastiken Max von Widnmanns vor der Münchner Kunstakademie (1886), wo Andreas von Weizsäcker als Professor wirkte, hat er mit einer Haut aus nassem Büttenpapier überzogen. Nach dem Trocknen nahm er die Hülle, die jetzt die Gestalt der Pferde hatte, ab und zerlegte sie in Einzelteile.

Als Rauminstallation angeordnet, verblüfft dieser erstarrte Tanz der Fragmente durch seine filigrane Anmut. Denn auch wenn man sich von den weißen Hohlformen an abgenommene Gipsverbände erinnert fühlt – die Verletzlichkeit und Erlesenheit des Materials stattet das zersplitterte Pferdepaar aus handgeschöpftem Büttenpapier mit einer Aura schillernder Melancholie aus. Insofern trügt der erste Blick, der hier nur eine künstlerische Reiterattacke auf den Gründerzeit-Pomp der Widnmann-Plastiken sieht.

Weizsäckers Bütten-Gäule zielen nicht auf die buchstäbliche Zertrümmerung „hohler Pathosformeln“. Im Gegenteil: Durch die Fragmentierung legt der Kunst-Pferdeflüsterer die Wunde der Wehmut in diesen heroischen Akademie-Rössern frei. Gerade indem er sie als Ruinen vom Sockel holt und ihre Ambivalenz enthüllt, rettet er die Romantik, die in ihnen vibriert. Insofern erweist sich diese wunderbare Neuerwerbung als eine Art Trojanisches Pferd, das unter dem Deckmantel aufklärerischer Dekonstruktion den Weltschmerz in die Kunst und die großen Gefühle ins Museum zurückschmuggelt.

Alexander Altmann

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