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Menschen-Bilder: Kuratorin Karin Althaus zeigt Josef Scharls „Drei Korporierte“ (1925), daneben Jan Polacks „Bildnis eines jungen Manns“ (15. Jh.) und George Desmarées’ „ Anna Maria Gräfin Holnstein“ (18. Jh.).

„Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“

Das Lenbachhaus, das restauriert wurde und eine Erweiterung bekommen hat, wird im Mai 2013 eingeweiht. Die außergewöhnliche Ausstellung, die ab 9. November im Kunstbau darauf vorbereitet, erzählt von den Schätzen, den Museumsmachern und ihrer Arbeit.

Der erste Eindruck – Bücher. Die ganze Wand entlang des Eingang-Stegs: die Geschichte der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in seinen Katalogen. Von den kleinen Faltblättern und Hefterln aus den 20er-Jahren über bibliophile Kataloge im handlichen Belletristikformat bis zu den noblen Bänden etwa einer Franz-Marc-Ausstellung. Zu dieser Leistungsschau gehört, dass es sich bei diesen Bänden nicht um Deko-Wälzer handelt, sondern stets die wissenschaftliche Arbeit an und für die Artefakte hochgehalten wurde/wird. Dazu zählen selbstverständlich Werkverzeichnisse.

Diese Einstimmung führt wie von selbst zum Herzensanliegen der aktuellen Ausstellung (Medienpartner ist unsere Zeitung), die nicht umsonst den Titel „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ (Valentin-Zitat) trägt. Das Team um Lenbachhaus-Direktor Helmut Friedel möchte zeigen, was vor und eben auch hinter den Kulissen eines Museums so läuft. Darüber hinaus brauchte man Platz, um den Umzug in die neuen Räume reibungslos vorzubereiten. Deswegen sei die Schau durchaus „aus einer Notwendigkeit erwachsen“, erklärt Kuratorin Karin Althaus, Sammlungsleiterin für 18./19. Jahrhundert und Neue Sachlichkeit, und deutet auf Kabinette. Dort sind auf großen Tischen Bilder zu sehen, die restauriert werden. Von Vergrößerungsapparaten bis Farbdöschen ist alles vorhanden. Schon fertig verschönert ist Franz von Stucks „Salome“, die endlich vor einem raffiniert wabernden Nachthimmel lasziv tanzt und nicht mehr vor einer schwarzen Sauce. „Das Bild hat unglaublich gewonnen“, begeistert sich Althaus. Noch recht leidend schaut dagegen ein Defregger-Porträt aus, auf dem ein Schwarm von Japanpapier-Fitzelchen sitzt. Sie sollen verhindern, dass Farb-Schollen endgültig abfallen.

Neben diesen Werkstätten gibt es ein Fotoatelier, in dem sämtliche Werke, die in den kommenden Monaten durch den Kunstbau gehen, neu abgelichtet werden. Gerade posiert eine weitere Stuck-Tänzerin, „Saharat“, vor den Kameras. Im Lenbachhaus wird sie mit „Salome“ einen Pas de deux bieten. Ein weiterer Hinweis auf einen für eine Ausstellung ungewöhnlichen Punkt: Sie wird nach und nach andere Bilder – in zwei, drei Wochen überdies Videofilme – zeigen. Wenn die einen in ihr Zuhause einziehen, rücken andere nach. Deswegen werden die Besucher öfters Transportkisten im Kunstbau zu Gesicht bekommen. Nur sechs Gemälde werden bis zum Ende von „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ bleiben: Juwelen der „Blauer- Reiter“-Sammlung . Drei Gemälde von Wassily Kandinsky und drei von Marc, inklusive dem „Blauen Pferd“.

Im Kabinett dahinter ist das Schaffen von Gabriele Münter ausgebreitet mit je einem Bild aus den Entwicklungsphasen. „So eine streng chronologische Hängung würde man sonst nicht anstreben“, erklärt die Kuratorin, aber hier in diesen Räumen probiere man Verschiedenes aus. Günter Fruhtrunk macht richtige Probleme, denn manch eines der geometrisch-abstrakten Bilder ist ein Knaller. Wer hält es daneben aus? Soll man die dezent-farbigen Arbeiten von Sean Scully damit kombinieren, oder gehen sie dann unter? Im „Labor“ Kunstbau kann getestet werden, was im Lenbachhaus dann „sitzen“ muss. Machbar ist dieses Verfahren bei Bildern und kleineren Plastiken, etwa von Stephan Balkenhol, die großen Installationen wie Joseph Beuys’ „Zeige deine Wunde“ muss jedoch sofort im neu-alten Domizil platziert werden.

Und noch eine Besonderheit zeichnet diese Exposition aus. Viele Gemälde wurden aus den Depots hervorgekramt, die man selten oder nie gesehen hat. „Es geht darum, dass man sich überraschen lässt“, strahlt Karin Althaus. Und meint damit nicht nur die Museumsfreunde, die vier Jahre lang auf ihr Lenbachhaus verzichten mussten, sondern auch die Konservatoren selbst. Den Auftakt des Bilder-Reigens machen – Menschen; und als Schmunzler ein einzelner Hund, nein, kein bayerischer Dackel, sondern ein Bernhardiner. Die Personen begegnen uns in Porträts vom Ende des Mittelalters bis zur Kunst um 1945. Eine ellenlange Reihe mit gewichtigen Werken von Lovis Corinth, Franz von Lenbach und Josef Scharl. Den Fingerzeig ins Heute bieten Andy Warhol (Lenin-Doppelporträt) und der Bildhauer Balkenhol. Auf die Köpfe folgen gotische Bilder, berichtet Althaus, „und für den Abschluss der Ausstellung hoffe ich darauf, dass wir nur Landschaften präsentieren können“.

Jetzt aber deutet sie auf Jan Polacks „Bildnis eines jungen Manns“ und erklärt, dass es das älteste Bild des Lenbachhauses sei. Der Maler ist 1519 gestorben. Gleich daneben geruht die Gräfin Holnstein von George Desmarées, gnädig auf uns zu blicken. Neugieriger als die Barockdame macht ein kleines Kinderporträt (1826) der Malerin Electrine von Freyberg. Nie kam es Besuchern vor Augen, denn es hatte einen massiven Firnisschaden, und das Öhrchen war fast zerstört. „Unsere Restauratorin hat das Ohr ihrer Tochter fotografiert und danach die Retusche vorgenommen“, erzählt Althaus mit Freude über das nun herzeigbare Bobberl. Zu ihm passt wunderbar ein dynamisches Buben-Bildnis von Wilhelm Busch.

Es gibt in dieser Reihe allerdings genauso „klassische Depotbilder“, die nie präsentiert werden. „Elise von Hallavanyas Selbstbildnis entstand in der Weimarer Zeit – sie arbeitete aber noch spätimpressionistisch!“ Wirklich Kopfzerbrechen verursachen indes herausragende Gemälde wie „Meine Frau und ich“ (1923) von Hermann Tiebert. „Es wurde 1933 angekauft“, sagt Althaus mit vielsagendem Lächeln. „Tiebert gehört zu den Künstlern, die von den Nazis vereinnahmt wurden. Später widmete er sich insbesondere Gebirgsjäger-Themen... Wie zeigt man so ein neusachliches Bild? Darf man es zu so kritischen Malern wie Josef Scharl hängen? Wenn ja, nur mit Kontext? Solche Bilder stehen nach der NS-Zeit unter Generalverdacht“, gibt die Kuratorin zu bedenken.

Die Aussicht, ein Kabinett mit Landschaften von Johann von Dillis gestalten zu dürfen, stimmt die Kuratorin viel fröhlicher. „Aber vielleicht geht die Entscheidung über die Hängung so schnell, dass wir sie hier gar nicht mehr ausprobieren müssen. Ja, in dieser Ausstellung ist vieles unvorhersehbar“, lacht sie selbst. Sicher ist jedenfalls, dass es ab Mitte Dezember nach Münter und Fruhtrunk einen Sonderplatz für Corinth – „wir haben eine der wichtigsten Sammlungen“ –, Fritz Baer und Hans Hofmann geben wird.

In der Tat, die Schau „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“ erweist sich als einzigartig. Sie wandelt sich nicht nur dauernd, sondern es sind hier auch alle Abteilungen des Museumsbetriebs direkt in Aktion. Ganz schön anstrengend? „Aber jeder freut sich“, sagt Karin Althaus.

Simone Dattenberger

Alle Informationen zur Schau

Ort: Kunstbau, Museumsplatz, München, U-Bahnstation Königsplatz/Zwischengeschoss.

Öffnungszeiten: 9. November 2012 bis 10. Februar 2013, NUR am Freitag, Samstag, Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, freier Eintritt für unter 18-Jährige; Jahreskarte 2013: 20 Euro.

Kinder: KuKi-Veranstaltungen unter 089/361 08 171 oder schatzsuche@kuki-muenchen.de; es gibt gesonderte Angebote für Schulklassen.

Schulklassen ohne Führung: Anmeldung unter 089/233 32 029 oder fuehrungen-lenbachhaus@muenchen.de.

Veranstaltungen: Vorträge zur Restaurierungs- und Museumsarbeit oder Kuratorenführungen jeden Donnerstag um 19 Uhr außer am 20. und 27. Dezember sowie 3. Januar. Eintritt frei.

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