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Benita Meißner, Chefin der Galerie DG an der Münchner Finkenstraße.

DG-Chefin Benita Meißner im Interview

Kunst und Kirche im Dialog

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Die Galerie der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V. ist wieder in ihren angestammten Räumen an der Finkenstraße 4. Wir sprachen mit der Chefin der Galerie der DG über die neuen, alten Räume.

Benita Meißner (42) ist seit 2015 die Chefin der Galerie der DG, der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst e.V. Sie hatte das Glück, die angestammten Räume an der Finkenstraße 4 erneut einweihen zu dürfen. Sie waren zusammen mit dem gesamten Siemens-Komplex verändert worden und daher lange ausgelagert. Meißner, die Baugeschichte und Denkmalpflege studiert hat, arbeitete in München zuvor für die Galerie Häusler Contemporary an der Maximilianstraße. Jetzt im neuen Umfeld ist sie richtig aufgeblüht, spricht mit Begeisterung von Projekten, betont aber auch: „Kirchenkunst zeige ich nicht.“

Sie haben die Räume schon gründlich testen können. Wie läuft es?

Sehr gut. Die Künstlerin, die wir jetzt zeigen, hat gesagt: „In diesem Raum ist noch Platz für Gedanken.“ Das kann ich bestätigen. Wir haben luftige, relativ hohe Räume – bis zu siebeneinhalb Meter –, licht und hell durch die beiden Glasfassaden zur Straße und zum Siemens-Innenhof. Das beeinflusst die Konzeption der Ausstellung, ist manchmal auch schwierig. Aber wir können durch Rollos die Schau optisch abschotten, wenn man Konzentration braucht. Bei anderen Expositionen wie der vergangenen Schau „In Ewigkeit“ nützt die Offenheit. Da hatten wir ein raumfüllendes Monster; und man konnte an den Menschen beobachten, die draußen vorbeiliefen, dass sie grinsen mussten. Die Einblicke sind wichtig, um die Besucher neugierig zu machen. Man kann etwas in den öffentlichen Raum hineinwirken. Wir versuchen ja, mit unserem Programm möglichst viele Personen zu erreichen.

Gerade ist die Schau „Zenita Komad: Art is a Doctor. The Artist and the Kabbalist“ zu sehen (bis 8. April). Wieso fiel Ihre Wahl auf die Österreicherin Komad?

Die Auswahl ist sehr, sehr schwierig, weil das Programm recht schnell voll ist. Wenn ich eine Gruppenausstellung konzipiere, habe ich die Möglichkeit, ein breiteres Panorama zu zeigen. Bei den Einzelpräsentationen haben wir genau geguckt, wer da ausgesucht wird. Zenita Komad hatte ich schon früh ausgewählt, weil es mir wichtig war, auf eine Ausstellung hinzuarbeiten und sie langsam wachsen zu lassen. Aufmerksam geworden bin ich auf sie durch Hinweise von Freunden aus der Kunstszene. Das Erste, was ich dann auf ihrer Webseite gesehen habe, war das Buch „Gott hat kein Museum“ von Johannes Rauchenberger, dem Leiter des Kulturzentrums der Minoriten in Graz. Das hatte ich mir gerade gekauft. Für mich als Neuankömmling in diesem Bereich war das die Bestätigung: Aha, da arbeitet einer im christlichen Kontext mit einer Künstlerin, die jüdische Wurzeln hat und sich außerdem für die Kabbala begeistert.

Da fragt man sich, wie das zusammenpasst.

Ja, welches Risiko geht man ein, wenn man solch eine Künstlerin einlädt? Ihr ist es wichtig, dass man auf die Gemeinsamkeiten hinweist. Das ist für uns entscheidend, dass wir nicht den Unterschied der Religionen herausstreichen. Deswegen ist eine zentrale Arbeit der Ausstellung ein Gemälde. „What did the pope say recently“ steht darauf, dann „huh?“ und „We are all...“. Ich habe deswegen schon viele Diskussionen gehabt. Aber wer Papst Franziskus die vergangenen Jahre verfolgt hat, kann das einordnen. Kunst ist immer Fordern. Auch wenn Sie in eine Kirche gehen und ein Fresko anschauen, ist Grundwissen nötig. Wer sich mit der biblischen Geschichte nicht auskennt, müsste sich erst informieren. Es ist aber spannend, die Geschichten hinter dem zu entdecken, was die Künstler oft so locker präsentieren. Und das erwähnte Bild verweist auf einen Satz von Papst Franziskus, der sagte: „Wir sind alle Kinder Gottes.“ Da gab es auch böse Reaktionen, weil in dieser Diskussion ein Moslem, ein Buddhist, ein Jude und ein Katholik zu Wort gekommen sind – und sich auf Gott und die Liebe bezogen haben. Papst Franziskus steht eben als Jesuit für den interreligiösen Dialog.

Das greifen Sie in der Galerie auf.

Gezeigt werden soll Kunst, die vielleicht nicht auf den ersten Blick christlich daherkommt, aber einen Dialog befördert. Man soll das Gefühl haben, dass man sich auseinandersetzen kann – gerne auch kritisch. Es ist schön, wenn man über Kunstwerke ins Gespräch kommt. Deswegen gibt es bei uns viele zusätzliche Veranstaltungen.

Der Name Galerie der DG versteckt verschämt die genaue Bezeichnung für den Verein, der die Galerie trägt: Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst. Hat man Sorge, Künstler und Besucher abzuschrecken, die denken, dass es in den Ausstellungen nur liebe Jesulein zu sehen gibt?

Verschämt ist es nicht. Unser Name ist jetzt schon 125 Jahre alt. Heutzutage würde man den Kunstverein – es ist im Grunde keine Galerie – sicher anders benennen. Ich glaube, dass der Name nicht zeitgemäß ist. Er macht vieles zu: Wir haben das Wort „deutsch“, wir haben das Wort „christlich“. Jetzt ist Komad aber Österreicherin ... Der Name gibt Beschränkungen vor, die nach Rücksprache mit dem Vorstand gar nicht vorhanden sind. Ich habe allerdings auch große Achtung vor der Geschichte des Vereins, und ich respektiere dessen Namen als historische Größe. Ich glaube, die Gesellschaft für christliche Kunst sollte sich definieren über ihre Tätigkeiten und nicht über den Namen. Dass wir Galerie der DG heißen, ist selbst historisch. Wenn ich ins Archiv gehe und Einladungskarten aus den Siebzigerjahren ansehe, steht da „DG“. Wir diskutieren im Verein immer wieder Namen. Die passen würden, sind aber schon besetzt.

Die Satzung des Vereins ist ja tolerant und offen. Sie selbst haben das Religiöse durchaus dezidiert im Blick.

Auf jeden Fall. In der Satzung steht, dass wir den Dialog, den Austausch fördern. Die Ausstellungen sollen viele Menschen erreichen. Jeder Einzelne entscheidet dann wie in einer Bibliothek, welches Buch er aufschlägt. Wir sind auch für Atheisten oder Andersgläubige interessant. Das kommt auch durch die ökumenische Ausrichtung. Da findet ein fruchtbarer Dialog statt. Man lebt die Unterschiede. Das ist bereichernd. Deswegen habe ich ein Ausstellungsprojekt deutschlandweit angeschoben: an zwei evangelischen und zwei katholischen Kirchen – sodass man merkt, dass die Menschen miteinander sprechen.

Gibt es eine Definition von „christlicher Kunst“?

Dem Verein ging es von Anfang an um den Dialog zwischen Kunst und Kirche. Er wurde nicht umsonst am Ende des 19. Jahrhunderts gegründet und hatte 10 000 Mitglieder, heute 400. Man hat gemerkt, dass sich die Künste von der Kirche freigemacht haben, dass es einen Graben zwischen ihnen gab. Deswegen wurde eine Plattform für einen Dialog geschaffen. Das gilt heute immer noch. Wir stellen Künstler vor – auch einem kirchlichen Fachpublikum, das Aufträge zu vergeben hat. Der Grundgedanke ist die Förderung der Künstler. Wir versuchen heute, wenn möglich, ein Honorar zu zahlen, einen Katalog herzustellen und Werke zu produzieren.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Information:

Galerie der DG, Finkenstraße 4 am Wittelsbacherplatz; Di.-Fr. 12-18 Uhr; die Ausstellung läuft bis 8. April.

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