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Die Frage nach der Zukunft der in München gefundenen Bilder ist weiter unklar

Schwieriges Puzzle aus NS-Zeit

Kunstfund: Was wird aus den Bildern?

Berlin - Chagall, Liebermann, Matisse: Schon die ersten veröffentlichten Werke aus dem Münchner Kunstfund sind spektakulär. Die Erforschung ihres Schicksals während der NS-Zeit wird ein mühseliges Puzzle.

Die Internetplattform www.lostart.de war prompt überlastet. Kaum hatten die Behörden - wie international angemahnt - die ersten 25 Bilder aus dem spektakulären Münchner Kunstfund auf die Fahndungsseite für verlorenes Kulturgut gestellt, wurde es am Dienstag zum Geduldsspiel, die Plattform zu erreichen. Die dort jetzt in Briefmarkenformat eingestellten Bilder stammen von Größen wie Marc Chagall, Otto Dix, Max Liebermann, Henri Matisse und Auguste Rodin.

Mit der Veröffentlichung haben die Behörden in Berlin und Bayern erstmals etwas Klarheit in das Verwirrspiel um den immensen Kunstschatz gebracht, der im vergangenen Jahr in der Münchner Wohnung des betagten Kunsthändlersohnes Cornelius Gurlitt beschlagnahmt wurde. Den neuen Angaben zufolge gehören nur etwa 380 der rund 1400 Bilder zu der von den Nazis als „entartet“ verfemten Kunst der Moderne - deutlich weniger als bisher gedacht.

Der weitaus größere Teil der Gurlitt-Sammlung, nämlich etwa 590 Werke, ist möglicherweise NS-Raubkunst. Dabei handelt es sich um Arbeiten, die verfolgten Juden während der Nazi-Zeit weggenommen, abgepresst oder unter NS-Druck zu lächerlichen Preisen abgekauft wurden. Viele konnten nur so ihre Flucht vor Tod und Verfolgung finanzieren.

Dass die Bundesregierung nach massivem Druck aus dem In- und Ausland nun zumindest begonnen hat, fragliche Bilder zu veröffentlichen, werten Experten allenfalls als einen ersten Schritt. Eine gemeinsam von Berlin und Bayern berufene „Taskforce“ von mindestens sechs Experten kam bereits am Dienstag zu einem ersten Treffen zusammen. Sie soll so rasch wie möglich klären, welche Bilder noch als verdächtig auf die Liste sollen.

Die Bundesregierung habe jetzt „heiße Luft aus dem Ballon gelassen“, die entscheidende Frage nach der Zukunft der Bilder sei aber nicht geklärt, sagte der NS-Raubkunstforscher Willi Korte der Nachrichtenagentur dpa. Und das ist tatsächlich der heikelste Punkt. Derzeit ist zwar die Staatsanwaltschaft Augsburg im Besitz des Konvoluts, weil sie es für ihre Ermittlungen gegen Gurlitt beschlagnahmt hat. Sie geht dem Vorwurf von Steuerhinterziehung und Unterschlagung nach.

Der eigentliche Eigentümer ist aber nach Einschätzung von Zoll und Rechtsexperten Gurlitt selbst. Sein Vater, der von den Nazis privilegierte Kunsthändler Hildebrand Gurlitt, hat für viele Werke ordnungsgemäß gezahlt. Selbst wenn Bilder unterschlagen wurden, ist dies nach 30 Jahren verjährt. Und: Für Privatpersonen gilt nicht die Washingtoner Erklärung von 1998, die öffentliche Museen und Einrichtungen zu einer „gerechten und fairen Lösung“ mit den Erben verpflichtet.

Polizei zeigt Nazi-Raubkunst aus Münchner Fund

Polizei zeigt Nazi-Raubkunst aus Münchner Fund

Im konkreten Fall heißt das: Wer über die Seite www.lostart.de auf Bilder stößt, die einst im Familienbesitz waren, kann sich zwar bei der verantwortlichen Koordinierungsstelle in Magdeburg melden. Doch selbst wenn sich die Herkunft klar nachweisen ließe, wäre Gurlitt nicht unbedingt zur Herausgabe verpflichtet.

Allerdings gibt es einen Hoffnungsschimmer: Beim Verkauf der Guache „Löwenbändiger“ von Max Beckmann 2011 war der alte Herr auf Vermittlung des Auktionshauses Lempertz bereit, sich mit den Erben des Kunsthändlers Alfred Flechtheim freiwillig auf eine Abfindung zu einigen.

„Es wäre sicher gut, wenn man mit Herrn Gurlitt zu einer allgemeinen Einigung kommen könnte“, sagt ein Teilnehmer der Gespräche zwischen Bundesregierung und verantwortlichen bayerischen Stellen am vergangenen Freitag in München. Gurlitt habe auf die Ermittler einen „nicht unaufgeschlossenen Eindruck“ gemacht, hieß es. Allerdings sei er auch einfach ein alter Herr, der schon sehr lange sehr zurückgezogen lebe.

Eine ganz andere Frage ist, warum der Fund angesichts der offenkundigen Brisanz mehr als eineinhalb Jahre geheim gehalten wurde. Regierungssprecher Steffen Seibert hatte kürzlich erklärt, die Bundesregierung sei „seit mehreren Monaten“ über den Fall unterrichtet. Aber erst als in der vergangenen Woche das Nachrichtenmagazin „Focus“ über den spektakulären Fund berichtete, schrillten auch in den Amtsstuben die Alarmglocken, die Abstimmungsmaschinerie lief an.

Der auf die Rückgabe von NS-Raubkunst spezialisierte Anwalt Matthias Druba, der unter anderem die Herausgabe der Plakatsammlung Sachs vom Deutschen Historischen Museum an den Erben erstritten hatte, meint gar, Bayern habe die Sache bis zu einem möglichen Tod Gurlitts unter Verschluss halten wollen. „Man hoffte offenbar, dass sich keiner meldet, die Bilder damit dem Staat zufallen und sich alles von selbst erledigt.“

dpa

 

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