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Das Schicksal von Gretchen hat Künstler zu berührenden Werken inspiriert.

Neue Ausstellung in der Kunsthalle München:

Du bist Gretchen

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Die Kunsthalle München feiert mit „Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“ eine Art Theaterpremiere. 

„Je suis Faust“, „Ich bin Faust“: So macht die Ausstellung „Du bist Faust – Goethes Drama in der Kunst“ in der Kunsthalle München schon im Foyer klar, dass man das Klischee vom ach so faustischen Deutschen nicht zelebrieren möchte. In der Tat war und ist die Geschichte von jenem Zauberer ein europäisches Phänomen. Der Kerl altert nicht und passt sich jeder Ära an. Jetzt mischt er ganz München auf.

Die überbordende Postkarten-Sammlung (1906-1912) von Jutta Assel und Georg Jäger verdeutlicht, wie populär Gretchen, diese so anrührenden wie starke Persönlichkeit, wurde.

Roger Diederen, Chef der Kunsthalle, erzählt, dass ihn vor drei Jahren Thorsten Valk vom Forschungsverbund Marbach Weimar Wolfenbüttel/ Klassik Stiftung Weimar auf eine Goethe-Schau angesprochen habe. Der Niederländer schreckte erst zurück – und stürzte sich danach mit Lust auf das Berühmteste von Goethe, das „Faust“-Drama. Diederen wollte nicht nur eine Ausstellung dazu entwickeln, sondern lud die Kunstinstitutionen Münchens ein, doch ihrerseits faustisch zu werden. Die Idee schlug so gut ein, dass – wie berichtet – ein veritables Festival mit über 120 Partnern von der kleinen bis zur großen Bühne, von Tanz bis zur Diskussion zustande gekommen ist.

Dem Kunsthallen-Direktor und den Ko-Kuratoren Valk sowie Sophie Borges ist es wichtig, niemanden abzuschrecken. Deswegen holten sie den Künstler und Bühnenbildner Philipp Fürhofer, um die Präsentation als Erlebniswelt zu gestalten: Vorhangsamt und Spiegelwände, leuchtende Fenster und rote Tapeten, gemalte Prospekte und Zuschauerlogen. Johann Wolfgang von Goethes Geniestreich – alles nur Theater? Ja, schließlich hat der Dichter (1749-1832), der Jahrzehnte an den beiden Teilen des Stücks gearbeitet hatte, darauf gepocht. Das „Vorspiel auf dem Theater“ steht noch vordem „Prolog im Himmel“. Deswegen begrüßt die Besucher der Frankfurter Olympier und eine Marionette samt Fassade des Puppentheaters, das Goethe besessen hat. Über dieses Medium begegnete der Schriftsteller erstmals der Gestalt des Faust. Zum Pop-Star war Johann Georg Faust (um 1480-1541) aus Knittlingen schon im 16. Jahrhundert geworden.

Über den Schwarzmagier ließ sich herrlich lästern und moralisieren, außerdem konnte man ihm die verrücktesten Zauber-Abenteuer andichten – und den Pakt mit dem Teufel. Der Engländer Christopher Marlow machte bereits 1594 (Uraufführung) aus der Gruselgeschichte eine Menschenstudie. Die funktionierte auch auf dem Kontinent – allerdings nicht auf dem Jahrmarkt. Da musste Theater knallen. Faust kämpfte sich mit dem derben Hanswurst durch Haupt- und Staatsaktionen. Weitere gern gelesene Bücher kamen hinzu, sodass Analphabet wie Gebildeter Faust kannten. Goethe integrierte all das – auch das Obszöne, Grelle, Satirische – und entwickelte daraus einen Text, der selbst zeigen will, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

Alles Theater: Das wusste Goethe und machte sich im „Vorspiel“ zum „Faust“ über den Bühnenbetrieb lustig. Davon ließ sich Ausstellungsgestalter Philipp Fürhofer anregen.

Die Schau „Du bist Faust“ streift diese Fakten, bevor man durch den Vorhang die erste Bühne betritt. Im Spiegelsaal begegnen wir uns selbst, Mark Antokolskis Marmor-Mephisto als Denker (1883), Bühnenbildentwürfen sowie Filmszenen mit Gustaf Gründgens als mega-legendärer Mephistopheles und Robert Dölle als Raphael; also jeweils Ausschnitte aus dem „Prolog im Himmel“, wenn der Herr mit Mephisto um Faust wettet (Regie: Peter Gorski beziehungsweise Peter Stein). Später wettet ja Faust mit dem Verführer um sich selbst.

Die weiteren Säle folgen Motiven aus „Faust I“, und zwar so, wie sie für die bildenden Künstler spannend waren. Gretchen ist eindeutig die Beliebteste, ob als reines Mädchen, das von Faust angebaggert wird, ob als nicht nur vom Gold Verführte, ob als sehnsüchtig Liebende, die jedes Risiko eingeht, ob als Verzweifelte, Kindsmörderin, ob als Verurteilte und Walpurgisnacht-Vision. Die (von Gott) Gerettete scheint weniger zur visuellen Darstellung herauszufordern. Wie populär diese so anrührende wie starke Persönlichkeit wurde, zeigt am besten die überbordende Postkarten-Sammlung (1906-1912) von Jutta Assel und Georg Jäger. Sicher, durch den reizenden Kitsch wurde die Tragödie wie ein Dämon gebannt – aber sie blieb für jeden präsent. Deswegen berühren uns zum Beispiel die Margarete-Szenen aus Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“-Film  (1926), gespielt von Camilla Horn, viel mehr als die der Herren, und sei es 1981 Klaus Maria Brandauer als Gründgens in der Titelrolle des „Mephisto“-Films (nach Klaus Mann).

Alles Theater: Im letzten Spiegelkabinett tritt in einer Projektion Werner Wölbern als Residenztheater-Faust auf.

Überhaupt hat es die Kunstausstellung zu Faust nicht leicht. Fast alle Exponate sind aus dem 19. Jahrhundert, das heißt illustrativ. Sie leuchten Episoden oder Charaktere aus – ohne dass der Geniefunke Goethes übergesprungen wäre. An anarchische Lust wagen sich die Maler nicht mal bei den Walpurgisnacht-Bildern. Insbesondere am Wesen des Faust scheitern sie (wie die meisten Schauspieler auch), bleiben einfallslos; nur Marc Quinn rettet sich in ein aufgebrochenes Faust-Gebirge (1988). Faust darf Gelehrter sein oder steifer Galan. Wo bleibt der Nihilist, der Revolutionär, der Sexist, der Macher? Mephistopheles wird immerhin zur reizvollen Groteskfigur, freilich ohne bemerkbare Tiefe. Die vermag tatsächlich nur das Schicksal von Gretchen aus den bildenden Künstlern hervorzulocken: Gabriel von Max erzählt ohne jegliches Urteil von der „Kindsmörderin“ (1877) als innig liebender Mutter, und Käthe Kollwitz 1899 in „Gretchen“ in einer kompositorisch atemberaubenden Doppelsicht von der Schwangeren und der sterbenden, tötenden Mutter.

Gretchen und ihr Faust: Gerade im 19. Jahrhundert schwärmte die europäische Salonmalerei für das Liebespaar.

Wenn schon Theater in der Kunsthalle, dann auch Oper. Der französischen „Faustomanie“ erlagen nicht nur Maler, sondern selbst Komponisten. Charles Gounods Klänge sind zu hören, Hector Berlioz darf nicht fehlen. Und wieder ist es Gretchen, das am meisten inspiriert: All die Vertonungen von „Ach, neige du Schmerzenreiche“, „Meine Ruh ist hin“ und „Der König von Thule“ eines Franz Schubert, Richard Wagner oder Carl Loewe erklingen in einem hübschen Biedermeier-Musikzimmer.

Die Exposition „Du bist Faust“ schließt zum einen mit den Grafikzyklen von Max Slevogt (1927), Franz Stassen (1912) und Max Beckmann (1943/44) zu „Faust – Der Tragödie zweiter Teil“ (1832), also mit einem weder vom Theater noch sonst irgendwem bewältigten und kaum gelesenen „Faust“; zum anderen mit „Faust“-Büchern vom Prachtband bis zum Comic und zu einer Übersetzung ins Kasachische. Am Ende geht’s wieder in ein Spiegelkabinett, in dem der Besucher den „Faust“-Schauspielern des Residenztheaters und sich begegnet. Unbedingt begegnen sollte er als Leser indes Goethes unfassbar reichem Drama – ein Super-Vergnügen.

Bis 29. Juli,

täglich 10-20 Uhr;
Telefon: 089/ 22 44 12; Katalog, Prestel Verlag: 29 Euro.
Festival-Programm: www.faustfestival.com.

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