Die Ringer von Massimiliano Soldani Benzi (1656-1740) sind inspiriert von einer berühmten antiken Marmorskulptur, die in den Uffizien von Florenz zu sehen ist. Fotos: Klaus Haag

Kunstschatz entdeckt

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Das Bayerische Nationalmuseum München hat nach 77 Jahren eine kostbare  barocke Ringer-Gruppe von Massimiliano Soldani Benzi wiedererhalten

1956 gab er die Suche auf. Robert Weihrauch, damals Direktor des Bayerischen Nationalmuseums, notierte im Bestandskatalog, dass „das vorzügliche Exemplar im Krieg vernichtet“ worden sei. Bei dem „Exemplar“ handelt es sich um eine Ringer-Gruppe aus Bronze, entstanden um 1710 – und geschaffen von Massimiliano Soldani Benzi (1656-1740). Da der Barockkünstler einer der letzten herausragenden Protagonisten der Florentiner Bronzen war, wog der Verlust für das Bayerische Nationalmuseum (BNM) doppelt und dreifach.

Jetzt aber sind die beiden Sportler ins Haus an der Prinzregentenstraße zurückgekehrt – nach 77 Jahren. Versichert sind sie mit zwei Millionen Euro, würden am aktuellen Kunstmarkt jedoch wesentlich mehr erzielen, wie die heutige Chefin des BNM, Renate Eikelmann, bei der Neupräsentation des Werks anmerkt. Die raffiniert ineinander verschlungenen Ringer sind im imposanten Treppenhaus untergebracht, zum einen, um sie als Beinahe-Neuzugang herauszuheben, zum anderen, um sie neben ihren großen Kollegen präsentieren zu können.

Beide Plastiken gehen auf eine antike Marmorskulptur zurück, die 1583 in Rom gefunden wurde. Sie machte als Vorbild für Bildhauer, Maler und Zeichner eine unglaubliche Karriere. Wer von Rang war, riss sich darum, davon eine Art von Replik zu bekommen. Aber die Medici, die die steinernen Athleten mittlerweile in Florenz hüteten, wachten streng über die „Vermehrung“. Glück für Bayern: Der Wittelsbacher Johann Wilhelm von der Pfalz (1658-1716) war mit einer Medici verheiratet und bekam deswegen von Cosimo III. de Medici allerhand Geschenke. Die landeten später tatsächlich in Bayern – als die hiesige wittelsbachische Linie ausstarb (1777) und die Pfälzer nach München kamen. Mit ihnen sehr viel Kunst – inklusive die barocken Ringer.

Sie kämpften unermüdlich nacheinander in der Hofgarten-Galerie, im Königlichen Antiquarium am Königsplatz (heute Antikensammlungen), in der Neuen Pinakothek und ab 1911 im Nationalmuseum. Dort gibt es einen exzellenten Bestand an Bronzen, dort waren die beiden wirklich daheim. Herausgerissen wurde die Gruppe aus diesem Umfeld, weil die Nazis 1939 das Prinz-Carl-Palais, umgebaut zum Gästehaus, unter anderem damit ausstaffierten. 1943 wurde sie ins Schloss Hirschberg bei Weilheim geschafft. Für das BNM war der Schatz verloren. Die Nachkriegssuche verlief ergebnislos.

Nur Jens Burk, der 2015 die Schau „Bella Figura – Europäische Bronzekunst in Süddeutschland um 1600“ kuratiert hatte, mochte nicht an die Zerstörung der Bronzeplastik glauben. Das Prinz-Carl-Palais sei schließlich nicht ausgebombt gewesen, erzählt er heute. Zunächst fiel der „Verdacht“ auf eine fast identische Gruppe in Kanada. Waren „unsere“ Sportler als Kriegsbeute verschachert worden? Ergebnis: Die Gruppen sind nicht identisch. Dann die Wende. Burk, Referent für Skulptur und Malerei von 1150 bis 1800 im BNM, besuchte heuer im März die Abguss-Sammlung im Haus der Kulturinstitute an der Katharina-von-Bora-Straße und fand zwischen den Antiken zwei barocke Männer – so nach dem Motto „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah“. Der Clou dabei, sie waren seit 1948 in München gewesen. Die US-Verwaltung hatte sie von Hirschberg zum Central Collecting Point gebracht. Dort passierte der entscheidende Fehler. Die Bronze wurde als „modern, copy“ eingestuft, die BNM-Inventarnummer übersehen. Die barocken Athleten landeten im Bestand der Glyptothek und führten zwischen den antiken Kollegen ein Schattendasein. Man hielt sie für einen guten Bronzeguss aus der Zeit um 1900, zumal es keine Signatur gibt. Die Gruppe stammt jedoch eindeutig von Soldani Benzi, nicht nur wegen ihrer Herkunft, auch die Gestaltung der Plinte (Bodenplatte) ist typisch, und für den rotgoldenen Firnis der Körper wurde sogar zermahlener Hämatit (Mineral) verwendet. So macht Sport richtig Spaß.

Bayerisches Nationalmuseum:

Di.-So. 10-17 Uhr; Eintritt: 7/6 Euro, sonntags 1 Euro.

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