Kunstvolles Gefasel

- Alles könnte so schön sein: Der Duft gegrillter Hendl erfüllt die Luft. Das Bier schäumt in die Maßkrüge. Freundlich lacht die Sonne durch das Laub großflächiger Werbeplakate und weckt den "Durst auf Leben" und auf ein "Bier wie Bayern". Nichtssagend versteht man sich an Brauereitischen, vielsagend prostet man sich zu: "Nein, mir lassen uns nicht lumpen, lumpen lassen mir uns nicht, mir nicht."

<P></P><P>Man würde es glauben wollen. Wenn da nur nicht diese merkwürdigen Geräusche wären: diese Maschinengewehrsalven, die hin und wieder die dumpfe Andacht, das vielstimmige Schweigen, den Klangteppich kunstvollen, hirnlosen Gefasels zerreißen.</P><P>Wir befinden uns im Deutschland des Rainald Goetz, Mediziner, Historiker und Autor großmäuliger, aber nicht kleinmütiger Stücke und Romane. Lars-Ole Walburg hat in der Jutierhalle der Münchner Kammerspiele dieses Goetz-Land zu einem schrillen Volksfest-Bayern getrimmt, dessen Götzen das Bier und der Beichtstuhl sind, wo eine Lebenslust herrscht, die nur scheinbar ungetrübt ist. Denn es ist Krieg, sogar "Heiliger Krieg". Aber keiner hat's gemerkt. Und keiner geht hin. Muss man auch nicht, denn er findet ohnehin statt, ohne die bewusste Teilnahme des Einzelnen: "Wer den lieben Gott lässt walten . . ." Das ist noch die klarste aller verqueren Devisen der sich für mündig haltenden Bürger. Die sich eigentlich nichts zu sagen haben. Und sich nur den Müll ihrer zerdachten Gedanken an den Kopf werfen oder den anderen mit den eigenen widersprüchlichen Überzeugungen bombardieren. Was an sich schon Krieg genug wäre. "Handeln ist Schuld. Nichtschuldigwerden aber ist die größte Schuld am Leben", formuliert ein "lichthungriger mündiger Bürger" in einem lichten Moment.</P><P>Während der allgemeinen Tatenlosigkeit hat längst etwas anderes sich dieses selbstvergessenen Landes bemächtigt: ein Terror, sichtbar nur an den Soldaten, die sich manchmal mit Engelsflügeln schmücken und die Gesellschaft von sich selbst erlösen, indem sie ziellos Menschen morden. 1986 entstand "Heiliger Krieg" als erster Teil der Trilogie "Krieg", die die Selbstzerstörung zeigt: hier einer Gesellschaft, diejenige einer Familie im zweiten Teil "Schlachten" und die eines Individuums schließlich in "Kolik". </P><P>Lars-Ole Walburg kommt weitgehend ohne aktuelle politische Anspielungen aus. Nur wenn die Soldaten mal wieder "Erschießen" skandieren und René´ Dumont als munterer Heidegger sich wie eine Zielscheibe die Bilder von Saddam Hussein, Osama bin Laden und Colin Powell vors Gesicht hält, dann mutet es merkwürdig an, wie unterschiedlich selbstverständlich dieser Anblick ist. Ansonsten ist das Stück, nach allen Seiten hin, schon Provokation genug. "Privater Psychokram", beschwert sich ein Steuerzahler aus dem Publikum, den Goetz vorausschauend in das Stück hineingetextet hat. Aber das stimmt nicht. Walburg schafft es, aus den spröden, entstellenden Parolen viele sinnstiftende Bilder herauszuschälen: eine Art Warnung an eine Gesellschaft, deren Mitglieder sich vorrangig mit sich selbst, niedrigsten Bedürfnissen und abgehobensten Zielen beschäftigen. Ihre Gläubigkeit, wahlweise ihre Ethik, ist zur Kulisse verkommen.</P><P>Folgerichtig hat Barbara Ehnes für die Chöre der Soldaten und Mädchen und für die Predigten der Stammtischbruderschaft einen Kirchenraum eingerichtet, mit Kanzel, Altar, Taufbecken und Beichtstuhl. Wie Kreuzwegstationen versinnbildlichen Werbeplakate ringsum das Leiden an der erdrückenden Konsumwut. "Befreiung" lautet daher eine Losung, und Bruno Cathomas, der revolutionär geifernde Stammheimer, ironisiert sie, indem er sich die Kleider vom befreiten, wabbeligen Körper reißt. Einen herrlichen Nonsens-Dialog führt er mit Hans Kremer, der hier, neben vielen anderen, wunderbaren Schattierungen mündiger Bürger, einen verantwortlichen Angestellten spielt. Mit hohlen Worten ringen die beiden um eine halbherzige Verständigung. Dumonts Heidegger bietet eloquent seine wissenschaftliche Hilfe an, die natürlich nichts bewirkt.</P><P>So versinkt diese verlorene Menschheit, für einige sehr unheimliche Minuten, in völliges Dunkel. Was Stockhausens Monolog eine besondere Eindringlichkeit beschert: "Lieben Sie Europa? Sind Sie krank am Gemüt?" Richtig hell wird es nie mehr. Während man sich irgendwo immer noch, aber ängstlich, zuprostet, nehmen sich Verfolger-Scheinwerfer die mutlosen Bürger einzeln vor. In der Masse haben sie ihr Gesicht verloren. Dieses Stück aber, das sich um Protagonisten wenig schert, gewinnt durch das inspirierte Ensemblespiel enorm viel Gesicht.</P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
Deutschlands Schlagerstar Roland Kaiser selbst distanziert sich von dem Musical, das über ihn im Deutschen Theater in München aufgeführt werden soll. Es gibt Krach - und …
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
„Ich liebe Happy Ends!“
Sie trifft den Puls ihrer Generation. Am Samstag kommt die Poetry-Slammerin Julia Engelmann in den Münchner Circus Krone, Restkarten gibt es mit etwas Glück an der …
„Ich liebe Happy Ends!“

Kommentare