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„Gemälde“: Die besitzen alte Grafen und sehr reiche Zeitgenossen, schreiben Krämer und Kaehlbrandt. „Andere haben Bilder.“ Der Begriff passe daher auch viel besser zu Kunstwerken wie diesen in der Alten Pinakothek.

Kunstwerke, die auf der Zunge liegen

München - Im „Lexikon der schönen Wörter“ schwärmen zwei Sprachliebhaber von den Besonderheiten des Deutschen. Der Münchner Merkur stellt die Neuerscheinung vor:

„Beglückt betrachtet der Fremdling das Alpenglühen. Wonne überkommt ihn, sein Zorn weicht behaglicher Geborgenheit.“

Sind diese Sätze schön? Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt würden wohl sagen: Zumindest bestehen sie aus schönen Wörtern. Denn jedes Adjektiv, jedes Verb und jedes Substantiv darin haben sie in ihr „Lexikon der schönen Wörter“ aufgenommen. Auf 256 Seiten stellen sie ihre deutschen Lieblingswörter vor – samt Zitat und Fürrede.

Die Autoren

Walter Krämer wurde 1948 geboren. Er ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund. Der Autor schrieb bereits mehrere Bestseller, zum Beispiel das „Lexikon der populären Irrtümer“. Seit dem Gründungsjahr 1997 ist er Vorsitzender des „Vereins Deutsche Sprache“. Krämer kritisiert „Denglisch“, lehnt die Verwendung englische Begriffe aber nicht gänzlich ab – sofern sie eine Lücke füllen.

Dr. Roland Kaehlbrandt wurde 1953 geboren und ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt am Main. Der Sprachkritiker schreibt zahlreiche Sprachkolumnen in überregionalen Tages- und Wochenzeitungen. Außerdem verfasste er Sachbücher wie den ironischen Sprachführer „Deutsch für Eliten“ und „Das bunte deutsche Bestiarium“.

Gemeinsam veröffentlichten die beiden Autoren bereits das Buch „Plastikdeutsch. Ein Lexikon der Sprachverwirrungen“.

Brechen (wie in „Bundesrecht bricht Landesrecht“) gefällt ihnen. Denn: „Genauer und kürzer kann man es nicht sagen.“ Ein praktisches Wort also. Aber deshalb schon schön? Gewitzter werden die Vorzüge von buttrig erklärt: Das Wort „passt zu hungrig, es weckt Vorfreude und macht Appetit“. Auch beim Lesen.

Krämer und Kaehlbrandt haben für ihre Auswahl keine Jury berufen, keine Studien betrieben, keine Umfragen gemacht. Sie haben in sich „hineingehorcht“ und „mit vielen Menschen gesprochen“. Kurz: Es ist ein sehr persönliches Buch, das die „Kunstwerke“ der Sprache anpreist – die nicht naturgegeben, sondern vom Menschen selbst geschaffen sind. Umso dringlicher fragt man sich: Was ist denn nun schön? Geht es um die Bedeutung? Um den Klang? Schwierig. „Schließlich gehört die Bedeutung zum Wort wie der Klang“, wissen die Autoren. Und geben zu: „Für sprachliche Schönheit gibt es keine objektiven Wertmaßstäbe.“

Drei subjektive nennen sie trotzdem. Schön finden sie Wörter, in denen zwei andere verschmelzen – wie Sehnen und Sucht in Sehnsucht. Schön finden sie auch die würzigen, kraftvollen Ausdrücke wie wirr und Wucht. Und schön finden sie auch viele alte, aber untergehende Wörter. Töricht zum Beispiel, wie heute nur noch Großeltern ihre Enkel rügen – und nicht mit dem modischen bescheuert.

Das Getöse klingt poetischer und stärker als Lärm und Krach, setzte sich im Alltag aber nicht durch. Es ist eben auch etwas Besonderes. Es „belästigt nicht. Es beeindruckt uns“, schreiben die Autoren. Aber Getöse klingt halt auch ein bisschen altertümlich – wie Xanthippe, Wagemut, Fehde oder gar Liebelei. So spricht heute kein 20-Jähriger. Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – haben sie es ins Buch geschafft. Der Glanz des Vergangenen? Eine Abgrenzung vom Modernen? Eine Trotzreaktion aufs „Denglische“, das die Autoren anprangern?

Wie dem auch sei: Das „Lexikon der schönen Wörter“ ist eine Fundgrube – von Sprachliebhabern für Sprachliebhaber. Ein Werk für jene, die der Zeit nachtrauern, als ein Wochenende nicht gechillt (sprich: getschillt) war, sondern gediegen. Es mag nicht jeden überzeugen, dass Gewölk, Jahresfrist und Gebrechen wirklich schöne Wörter sind. Das Buch bringt ihnen aber neuen Elan – auch wenn das, liebe Autoren, aus dem Französischen kommt und nicht aus dem Deutschen.

W. Krämer/R. Kaehlbrandt:

„Lexikon der schönen Wörter“. Piper, 256 S.; 9,99 Euro.

Katrin Martin

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