Nina Hümpel

Was die Kuratoren der Münchner Tanz-Biennale „Dance“ zeigen wollen

München - Immer noch hat der zeitgenössische Tanz den Ruf als Kunst für Eingeweihte. Das ließe sich ändern, zum Beispiel mit einem Festival, das gern auch spektakulär sein darf und dessen spannende Vielfalt für den Tanz wirbt.

Die ersten Ausgaben von Münchens Dance-Biennale 1987 und 1989, kuratiert von Bettina Wagner-Bergelt (ab 1989 Staatsballett-Dramaturgin), erinnert man als solche aufregende Ereignisse: Nachgeholte US-Postmoderne und Aufbruch und Hoch-Zeit des europäischen freien Tanzes - die Dance-Programme waren dicht, waren international.

Danach entwickelte sich der Tanz zwar weiter, aber eher in grenzgängerische, abgehobene Spielarten hinein, mit fast autistischem Charakter. Attraktiv für Tanz-Neulinge? Doch wohl eher nicht. Ein paar Höhepunkte wären effektiver. Aber die sind nur mit einem stärkeren städtischen Budget zu bekommen. Wagner-Bergelt, 2008 und 2010 nochmals Dance-Kuratorin, musste finanziell schon extrem jonglieren.

Für das Dance-Festival im nächsten Jahr hat die Stadt nun ein Duo designiert: Nina Hümpel aus München, mit ihrem 1996 eingerichteten „tanznetz.de“ eine echte Pionierin für den Tanz im Internet, und Dieter Buroch, seit 1988 Intendant des Frankfurter Künstlerhauses Mousonturm und Initiator und Leiter zahlreicher erfolgreicher Tanzevents (siehe Kurzbiografien).

Dieter Buroch

Kreative Choreografen, wie wir sie in den Achtzigerjahren mit Pina Bausch und William Forsythe, mit Edouard Lock, Jan Fabre, Wim Vandekeybus, Sasha Waltz und anderen hatten, kann das neue Dance-Gespann auch nicht aus dem Boden stampfen. Aber mit ihrem Konzept haben Hümpel & Buroch andere Bewerber aus dem Feld geschlagen. „Man hofft im Kulturreferat natürlich auf neue Kooperationen und Förderungen, um das Festival-Budget aufzustocken“, sagt Hümpel. Und da könnte Buroch mit seinen Kenntnissen als Prokurist der Kulturgesellschaft Frankfurt für Schirn Kunsthalle, Theater am Turm und Off-TAT, mit seiner langen Erfahrung im Kulturmanagement und seinen internationalen Kontakten treibender Motor sein. International vernetzt ist auch Hümpel. Ihre Stärke jedoch liegt vor allem in der Vertrautheit mit der hiesigen Szene. 1985 packte die gebürtige Lübeckerin ihre Koffer, um „ganz weit weg von zu Hause“, eben in München, Theater- und Tanzwissenschaft zu studieren. „Ich kenne die Bedürfnisse der Stadt, die Tanzprogrammierung der letzten 20 Jahre, alle Spielorte, Veranstalter, alle in Frage kommenden Kooperationspartner.“

Was vielleicht noch mehr für Nina Hümpel spricht, ist ihre echte Verbundenheit mit dem Tanz. Ab ihrem sechsten Lebensjahr geht die kleine Nina fast täglich zum Ballettunterricht. Mit zwölf nimmt sie Folklore, modernen und Jazz-Tanz hinzu. Kein Wunder, die Leidenschaft für die Kunst der Bewegung liegt in der Familie, wie Hümpel erzählt: „Meine Großmutter war Tänzerin. Sie hatte sogar das Angebot, mit Kurt Jooss’ berühmtem Stück ,Der grüne Tisch‘ auf Tournee zu gehen, hat dann aber doch lieber geheiratet.“ Die Enkelin schlägt sich nach dem Abitur die Bühnenlaufbahn aus dem Kopf: „Bei 1,78 Metern Körpergröße und schwachen Gelenken hätte es nie zur Ballerina gereicht!“ Nach diversen Verlags- und Dozenten-Jobs startet sie ihr tanznetz.de: „Als ich 1994 meine Zwillinge bekam und meine Assistentenstelle an der Uni Eichstätt aufgeben musste, hatte mein Mann - er hat selbst eine Internet-Agentur - die Idee zu einer Tanzzeitschrift im Internet.“ Mit viel Geduld hat sich die Tanz-Expertin in die für sie neue Materie eingearbeitet. Heute bietet ihr tanznetz.de drei Bereiche: „Kritiken, die mir direkt zugeschickt werden, plus Presseschau durch Links zu anderen Medien, dann die Diskussionsforen und einen umfassenden Terminkalender“, zählt sie auf und fügt an: „Mit tanznetz.de und dem speziellen Tanzportal Bayern bringe ich für das Dance-Festival zwei potente Medienpartner mit.“

Und wie funktioniert es mit dem Partner Buroch? „Es gibt jeden Monat Arbeitstreffen, jetzt im Januar in Frankfurt, weil am Mousonturm gerade Edouard Locks ,Lalala Human Steps‘ zu Gast ist.“ Die Frage nach der Einbeziehung von Münchner Künstlern beantwortet Hümpel diplomatisch: „Wir wollen erst einmal mit den Leitern der Tanzwerkstatt Europa und des Festivals Rodeo reden und danach über ein Format nachdenken, wie man mit und für die hiesige Szene arbeiten könnte.“ Noch kann sie, verständlicherweise, keine Namen von anvisierten Gast-Choreographen nennen. Aber eine Leitlinie, ein Motto? „Nein, kein Motto!“, sagt Hümpel heftig. „Im vergangenen Sommer musste Berlins ,Tanz im August‘ Kritik von der Presse einstecken, weil die meisten Vorstellungen sich eben nicht unter die Motti Menschenrechte und Tanzgeschichte fassen ließen. Unser Konzept firmierte unter der Überschrift ,Zeigen, was wichtig ist‘. Wir möchten nach München bringen, was und wer international im Tanz Bedeutung hat - und auch erklären, warum.“ Für einen solchen Austausch zwischen Künstlern, Publikum, Experten und Förderern ist auf jeden Fall „ein lebendiges Festivalzentrum“ geplant.

Malve Gradinger

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