Kurfürstliche Musik

- Das ginge womöglich als Finalfrage bei Günther Jauch: Wer war Giovanni Ferrandini? Selbst Opernfans dürften da passen, im Falle von "Catone in Utica" könnte es eher dämmern. Denn Metastasios Text gehört zu den meistvertonten Libretti der Vorklassik. Und eine Version stammt von besagtem Ferrandini, uraufgeführt 1753 zu singulärem Anlass - zur Eröffnung des damals Neuen Theaters in München, heute als Cuvilliéstheater weltweit berühmt.

<P>Exakt 250 Jahre später widmet sich das Gärtnerplatz-Team dem Opus an historischem Ort. Ferrandinis "Catone in Utica" hat in Münchens Rokoko-Juwel an diesem Sonntag Premiere (geschlossener Festakt zum Theaterjubiläum), erste öffentliche Aufführung ist zwei Tage später. Peer Boysen inszeniert, Kobie van Rensburg singt die Titelpartie, am Pult steht Christoph Hammer, der sein eigenes Barock-Orchester, die Neue Hofkapelle München, dirigiert. Auf Hammer geht auch die Reanimation von Ferrandinis Opus zurück. Schon 1995 fasste er den Plan, fand lange keine Partner, bis sich das Gärtnerplatztheater und die Schlösser- und Seenverwaltung bereit erklärten. Hammer stieß in Dresden auf zwei Abschriften des Autographs, die ein monumentales Stück bargen: Allein der erste Akt dauert geschätzte 120 Minuten, für die aktuelle Produktion wurde "Catone in Utica" auf erträgliche zweidreiviertel Stunden gekürzt.</P><P>Hilfe vom Gärtnerplatz</P><P>"Die Musik ist sicher kein Mozart-Händel-Geniestreich", sagt Hammer. "Aber wenn wir nur davon leben, dauernd große Würfe zu zeigen, kommt man nicht weiter. Schließlich zählt nicht nur eine Asamkirche, sondern auch die kleine Barockkirche in Obertupfing." Den Stil des "Catone" beschreibt der Münchner als "zwischen Barock und beginnender Klassik" _ eine Epoche, die von Mozart auf der einen, von Händel und Co. auf der anderen Seite verdrängt werde. Ferrandinis Opus glänze durch "hohe Ornamentik", durch große Arien, die von den Solisten geläufigste Gurgeln verlangten.</P><P>Es berichtet vom Schicksal des römischen Staatsmannes Marcus Porcius Cato d. J. (95 bis 46 v. Chr.), nach dem Tod seines Freundes Pompejus der letzte Konkurrent Julius Cäsars - der übrigens von einem Countersopran (Robert Crowe) gesungen wird. Cäsar versucht, durch eine Liaison mit Catos Tochter den Widersacher für sich zu gewinnen. Cato weigert sich, am Ende begeht er gar Selbstmord.</P><P>Für uns heute merkwürdig, damals aber Normalfall: Ferrandinis Oper schließt lapidar mit einem Rezitativ, die darauf folgende Ballettmusik ist nicht erhalten. Christoph Hammer dirigiert stattdessen einen Symphonie-Satz des Kurfürsten Max III. Joseph, der das Cuvillié´stheater bauen ließ. "Und der hat, als Schüler Ferrandinis, gar nicht schlecht komponiert."</P><P>Ferrandini (1710-1791) war seinerzeit "Direktor der Kammermusik" und zuvor Oboist in der Hofkapelle. Über ein Dutzend Opern hat er geschrieben, gut möglich, dass der "Catone" nun eine Renaissance des Musiktheaters nach Händel einläutet. Christoph Hammer träumt davon: "Gerade die Münchner Barocktradition wird doch hier als zweitrangig betrachtet. Mein Ziel wäre, wenn wir im Cuvillié´stheater jährlich ein Werk herausbringen - und so das Haus nicht nur als Nebenschauplatz für Staatsoper oder Residenztheater betrachten. Das war früher einer der musikalisch spannendsten Höfe weit und breit. Doch dafür brauchen wir starke Partner, nur mit Idealismus geht das nicht."</P><P>Hammer hat um den "Catone" herum eine "Residenzwoche" mit Veranstaltungen zur Bau-, Kunst- und Musikgeschichte sowie Konzerten gruppiert (Infos unter 089/ 179 08-444). Der Dirigent und Initiator bedauert es, dass der "Catone" nur fünfmal aufgeführt wird. Gastspiele an anderen Orten, vielleicht im Markgräflichen Opernhaus Bayreuth oder gar internationale Kooperationen, könnte sich Hammer vorstellen. Auf jeden Fall wird das Label Oehms Classic die Münchner Produktion auf CD herausbringen.</P><P>Und bei allen Anstrengungen zum Theaterjubiläum: Eine Rekonstruktion barocker Inszenierungen will das Produktionsteam nicht liefern. Das Orchester sitzt auf der Bühne, die Sänger agieren davor oder bewegen sich auf einem Steg ins Publikum. Hammer verspricht: "Übertriebenen Aktionismus gibt's bei uns jedenfalls nicht. Keine Dinos, keine Raketen."</P>

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