Kurioses Quartett der Lebensmüden

- Wenn vier Personen in einer Silvesternacht auf einem Hochhausdach stehen, um sich in die Tiefe zu stürzen, ist das zunächst einmal gar nicht komisch. Komisch wird es, wenn der Brite Nick Hornby diese Szene arrangiert: Maureen erträgt die Pflege ihres schwerbehinderten Sohnes nicht länger und steigt in ihrer Verzweiflung auf das Londoner Topper's House hinauf. Dort sitzt bereits der gefallene Moderatorenstar Martin an der Dachkante. Und während sich zwischen ihnen ein Disput entspinnt, wer wen beim Selbstmord diskreterweise allein lassen sollte und ob sich Maureen Martins Leiter leihen darf, um überhaupt die Absperrung dort oben überwinden zu können, rennt zum Sprung scheinbar entschlossen eine junge Frau auf eben jenes Dach.

"Wir haben unser Leben verpfuscht. Du nicht, noch nicht." "Martin"

"Wir haben unser Leben verpfuscht. Du nicht, noch nicht", entscheidet Martin und hält Jess gewaltsam fest. Als dann noch der amerikanische Pizzabote JJ erscheint, der in dem Hochhaus sein Backwerk abliefern soll und bei dieser Gelegenheit den Ort seines selbstbestimmten Endes vorbesichtigen will, ist das kuriose Quartett der Lebensmüden komplett.

Der meisterhafte Erzähler Hornby hat mit seinem Selbstmörder-Roman ein erstaunlich lebensbejahendes, fröhliches Buch geschrieben, das nichts beschönigt, sowohl die großen menschlichen Probleme als auch ihre vermeintlich simplen Lösungen immer wieder relativiert und darum so schön realistisch, ehrlich und unpathetisch wirkt. Schon die Erzählweise Hornbys ist eine Verbeugung vor den Persönlichkeiten seiner Figuren, die niemals von einem besserwisserisch-auktorialen oder augenzwinkernden Erzähler gelobt oder getadelt werden. Denn das besorgen die vier schon selbst.

Maureen, Martin, Jess und JJ - in loser Reihenfolge erzählen die Personen jeweils ein Kapitel aus ihrer Sicht, in ihrer spezifischen Sprache und Umgangsform: eher derb und direkt die rotznäsige Jess mit ihrem Trennungsschmerz, cool der seiner Band nachtrauernde JJ, flapsig und selbstgerecht Martin, der seine Karriere wegen Sex mit einer Minderjährigen zerstörte, und höflich, abwägend die etwas schrullige Maureen. Obwohl sie so verschieden sind, oder gerade deshalb, haben sie einander viel zu sagen. Und da sie nun schon einmal an Silvester ihre Selbstmordpläne vereitelt haben, verabreden sie sich für den nächsten Suizid-tauglichen Termin, den Valentinstag sechs Wochen später, nach dem Motto: Dann ist es ja auch noch möglich, und vielleicht hat sich bei allen bis dahin das Leben zum Besseren verändert.

Das hat es natürlich nicht so schnell. Was sich aber bei allen ändert, ist die Selbsteinschätzung. Während dieser sechs Wochen, in denen die vier sich manchmal eher widerstrebend auf Wunsch eines Einzelnen treffen, sieht jeder ein bisschen besser, an welchem Punkt sein Leben aus den Fugen geriet und dass es noch lange nicht zerstört ist. JJ zum Beispiel begreift, dass ihn seine Freundin verlassen hat, nicht weil er es niemals zum Rockstar bringen wird. Sondern weil sie weiß, dass mit ihm nichts mehr anzufangen ist, wenn er die Musik aufgibt, nur weil seine Band zerbrochen ist. Lichte Momente dieser Art hält "A Long Way Down" in großer Zahl bereit. Und weil sie wie beiläufig, frei von Gutmenschen-Attitüde und Heile-Welt-Illusionen aufscheinen, ist dieses Buch so sympathisch wie aufschlussreich. Fantastisch freche Dialoge, ein forsches Tempo und jede Menge Situationskomik vervollkommnen dieses wissend humorvolle Bravourstück.

Nick Hornby: "A Long Way Down". Aus dem Englischen von Clara Drechsler und Harald Hellmann. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 342 Seiten; 19,90 Euro.

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