Kuriositäten ohne Konzentration

München - Der israelische Theatermacher Eyal Weiser inszeniert sein Projekt „Nystagmus“ fürs Münchner Volkstheater - lesen Sie hier die Premierenkritik.

In der Lüge werdet Ihr die Wahrheit entdecken. Der israelische Theatermacher Eyal Weiser dreht, wendet und verschränkt in seinen Arbeiten Fakten und Fiktion, sodass der Zuschauer im besten Fall beim Betrachten des Manipulierten tatsächliche Zusammenhänge erkennt. Klingt spröde? Ist es manchmal auch. Dennoch hatten Weisers Inszenierungen „This is the Land“ und „Mein Jerusalem“ starke, kluge und berührende Augenblicke. Heuer beziehungsweise im vergangenen Jahr waren sie zum Festival „Radikal jung“ ans Münchner Volkstheater eingeladen. Nun hat Weiser erstmals am Haus an der Brienner Straße inszeniert. Doch „Nystagmus“ fehlt es an Konzentration und der gedanklichen Schärfe der Gastspiele. Hier ist vieles allzu platt.

Dabei hat der Israeli die Produktion gründlich vorbereitet. Seine Inszenierung startete bereits Wochen vor der Premiere am vergangenen Samstag: Wie berichtet, luden Volkstheater und Kurator Anton Ehrlich zu einer Pressekonferenz, die so sehr Schwindel war wie der Ausstellungsmacher. Oliver Möller spielt diese Figur, die neun (ebenfalls fiktive) Künstler gebeten hat, eine „aktuelle künstlerische Replik“ auf die von Hitler 1937 in München initiierten Propagandaschauen „Entartete Kunst“ und „Große Deutsche Kunstausstellung“ zu erarbeiten.

Das Programmheft im Stil eines Kunstkatalogs gibt Auskunft über Vita und bisherige Arbeiten der Ausstellenden (visuelles Konzept: Rami Maymon). All das wirkt echt – auch weil immer wieder Bezug auf die Zeitgeschichte genommen wird.

Zu Beginn der Vorstellung wird das Publikum auf die Bühne geführt, wo eine kleine Ausstellung aufgebaut ist. Einige der Werke, die hier zu sehen sind, werden im Lauf des 140 Minuten langen, pausenlosen Abends eine Rolle spielen. Teil von „Nystagmus“ (der Begriff bezeichnet eine unkontrollierbare, zitternde Bewegung des Auges – Hitler behauptete, moderne Künstler würden an dieser Krankheit leiden) sind auch Performances. Eyal Weiser ist es allerdings nicht gelungen, die Spannung hier kontinuierlich hoch zuhalten. Das Niveau der Auftritte variiert stark – und mancher Gedanke geht im Ausstattungsrausch unter.

Nur mit dem ersten Beitrag ist Weiser noch nah an seinen bisherigen Arbeiten. Max Wagner erzählt als Uriah Rein-Merchav die Geschichte seiner Familie: von der Verwandten, einer Künstlerin, die angeblich an Schizophrenie litt und von den Nazis ermordet wurde,  über den Großvater, einen SS-Mann, der sich in der jungen Bundesrepublik eine weiße Weste besorgte und schließlich für die Stasi spionierte, bis hin zur idealistischen Mutter, die aus Protest gegen die Eltern in einen Kibbuz  ging und einen Israeli heiratete. Es ist eine Familienvita, die in Nazideutschland beginnt und in Israel endet. Solche biografischen Verflechtungen interessieren Weiser; in „Mein Jerusalem“ erzählte er davon am Beispiel der fiktiven ostdeutschen Fotografin Sabine Sauber. Als Rein-Merchav gelingt Wagner die berührende Studie eines Mannes, der den Verstrickungen von Familien- und Zeitgeschichte folgt – und mit einem schwarzen Faden das Porträt seiner Verwandten, die Ausgangspunkt der Recherche war, auf eine Wand zaubert. Es ist ein spannender Beginn, an den das Folgende nicht heranreicht.

Nur mit dem Auftritt der Sturm-Zwillinge ist Weisers Inszenierung nochmals ähnlich poetisch-konzentriert: Johannes Meier und Leon Pfannenmüller spielen die beiden Männer, die zunächst Werbeslogans so sprechen und kombinieren, dass der Text zum Geschlechtsakt zu werden scheint. Neu ist die Idee, die Sprache der Werbung als sexuell zu entlarven, zwar nicht. Aber der Autor und Regisseur Weiser geht einen Schritt weiter. Auf Leinwänden sind Sequenzen aus Werbespots und passend inszenierter Clips zu sehen: Läuft da eine Feier der Männlichkeit? Ein Porno? Ein Kriegsfilm? Die Sturm-Zwillinge haben sich von der Manipulationsmacht der Bilder befreit. Gekleidet wie Derwische drehen sie sich in Trance: Im Sufismus dient dieser Tanz zur Kontaktaufnahme mit Gott, zur Befreiung der Seele von den Fesseln des Körpers.

Auch Sybille Maria Lang, gespielt von Ursula Maria Burkhart, stellt in ihrem Beitrag Kontakt her – zu Alois Lang, dem Jesus-Darsteller der Oberammergauer Passion, den Hitler einst beklatschte. Diese Performance im Stil einer Séance ist jedoch fader, platter und harmloser als eine Fahrt in der Geisterbahn auf dem Rummel. Der Tiefpunkt dieser Inszenierung. An deren Ende zeigt Bruno Spatz (Jean-Luc Bubert) „Mein Muttermund“ – anarchisch, wild, laut, nackt und derb. Eine grelle Ausstattungsorgie, bemüht um Provokation. Zum Glück tappte kein Premierengast in die allzu offensichtliche Falle: Keiner protestierte, alle haben (gelassen, genervt?) das Ende abgewartet. Verhaltener Applaus.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 10. und 21. Mai; Telefon 089/523 46 55.

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