Das Kurkonzert-Fett wurde abgesaugt

- Auf den ersten Blick wirkt der Besetzungszettel wie ein dürftig komponiertes Menü. Schauspiel-Frau Andrea Breth (Regie), Nikolaus Harnoncourt (Dirigent), dazu mit Kurt Streit ein Mozart-Mann als Don José´, und das auch noch bei Georges Bizets "Carmen", das mag doch eher nach Schweinsbraten mit Schlagsahne schmecken. Im Endeffekt ist es eine Reinigungsaktion auf breiter Front - also keine Kastagnetten, keine hüftwackelnden Damen, kein sonnenversengtes Sevilla. Den Stier gibt's nur in Einzelteile zerlegt, eine Zigarettenfabrik schon gar nicht. Wie auch: Der Schriftzug "Prohibe fumar!" scheint nicht nur das Rauchen, sondern gleich sämtliche "Carmen"- Klischees zu verbieten.

Seit 20 Jahren ermöglicht Graz dem großen Sohn der Stadt eigene Festspiele. Nikolaus Harnoncourt bot bislang auf seiner "styriarte" viel Konzertantes, selten Szenisches. Zum Jubiläum beschenkte er nun Festival und Rezeptionsgeschichte mit einem Bizet, an dem sich künftig die Kollegen messen lassen müssen. 

Wie zu erwarten, hat Nikolaus Harnoncourt jeden Phrasenverlauf, jede instrumentale Mischung untersucht und das Kurkonzert-Fett abgesaugt. Das Ergebnis ist wahrlich unerhört: Auf der Basis eines ausbalancierten Klangs und gemäßigter Tempi entwickelt Harnoncourt mit dem phänomenalen Chamber Orchestra of Europe eine penibel gearbeitete Deutung, die beweist, wie substanzreich Bizets Oper eigentlich ist. Parlando-Nummern überschlagen sich nicht, sondern werden rhythmisch genau realisiert. Kantig stampfen Vorspiel und "Toré´ador"-Nummer; in José´s Blumenarie, auch im Duett mit Carmen entfaltet sich ein zaghaftes, umso berückenderes Melos. Etwas Organisches, Atmendes, Lebendiges zeichnet diesen Klang aus, den oft auch eine schleichende Gefährlichkeit durchzieht.

Und hier trifft sich Harnoncourt mit Andrea Breth, Hausregisseurin des Wiener Burgtheaters, die nach Glucks "Orpheus" und Smetanas "Verkaufter Braut" ihre dritte Opernarbeit wagte. In ihrer Haltung, Szenen zu befragen, Figurenporträts aus den Eigenheiten der Sänger zu entwickeln und dadurch zu intensiver, unaufgesetzter Wahrhaftigkeit zu finden, ist Andrea Breth dem Dirigenten verwandt. Vor allem aber im Bestreben, zum Eigentlichen, zu Motivationen und Psycho-Motoren vorzudringen.

Don José als Bruder Wozzecks

In einem Gefängnis-artigen Innenraum (Bühne: Annette Murschetz, Kostüme: Franç¸oise Clavel) lässt sie alles spielen. Die Damen treten im Putzfrauen-Look aus den Spindschränken, die Männer tragen Blaukittel und geben sich ausgehungert; schnell kann hier Bedrücktes, Unterdrücktes in Aggression umschlagen. Carmen nähert sich dem klaustrophobischen Interieur in aufreizender Garderobe: ein fremdes Wesen, womöglich mit den Helferinnen nur zu Besuch zwecks erotischer Verrichtungen.

Nora Gubisch singt die Titelpartie mit nie übertriebener Laszivität und die Habanera so zurückgenommen, als drohe jede Sekunde der Ausbruch. Doch in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung stellt Andrea Breth den unglücklichen Liebhaber und folgt damit Prosper Merimé´es zugrunde liegender Novelle. Der großartige Kurt Streit spielt ihn als Bruder Wozzecks, getrieben und aufbrausend, hingebungsvoll liebend und doch an Realitäten scheiternd. Und mögen auch Spitzentöne zu gedeckt klingen, so eröffnet doch Streits lyrische Lesart der Rolle Facetten, die die schwerstimmige Konkurrenz nie leisten könnte. "Überbleibsel" aus typischen Bizet-Abenden ist Escamillo, hier als Torero-Denkmal ironisiert, was der sonst virile Egils Silins vokal aber nicht ganz umsetzt. Auch Micaela wird mehr als Zitat eingesetzt, Arpiné´ Rahdjian singt sie emphatisch und eine Spur zu dramatisch.

Josés Exekution bildet den Rahmen der Aufführung, die in Rückblenden Zeitebenen verschränkt. Seine Mutter taucht auf, manches driftet ins Irreale. Kneipenwirt Lilas Pastia ist ein Farbiger, dessen Buschmänner-Rituale das Geschehen zusätzlich brechen, den Zauber einer geheimnisvollen, dunklen Poesie über die Szenen legen. Dass manche Sprachzuspielungen überflüssig sind, dass Andrea Breth mit Buffoneskem Schwierigkeiten hat, sind da nur Schönheitsfehler. Denn diese Produktion besticht einfach durch die große Identität von Szene und Klang, also auch durch die Musikalität der Regie. Burgtheater-Chef Klaus Bachler holte seinerzeit die Regisseurin nach Wien - welch Glücksfall, wenn ihm, Münchens künftigem Intendanten, dies auch an der Bayerischen Staatsoper gelingen könnte.

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