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Kurt Masur starb im Alter von 88 Jahren.

Dirigent litt an Parkinson

Kurt Masur ist tot: Ein Nachruf auf den "Karajan des Ostens"

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Berlin/New York - Die New Yorker Philharmoniker trauern um ihren ehemaligen Chefdirigenten: Der Deutsche Kurt Masur ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Er hätte die deutsche Version von Vaclav Havel werden können. Ein Künstler als Staatspräsident, so wie es die Tschechen wagten, das spukte auch 1989 und 1990 in den Köpfen mancher Deutschen herum. Der Adressat ihrer Werbungen: Kurt Masur, fast 30 Jahre lang Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters und so etwas wie eine moralische Instanz des zerbröckelnden ostdeutschen Staats. Erst recht, als er zusammen mit fünf anderen Honoratioren Schlimmeres verhinderte. Am 9. Oktober 1989 verfassten sie einen Aufruf, der Montagsdemonstranten und die Reste der Staatsmacht zur Besonnenheit mahnte – es wurde die legendärste Tat Kurt Masurs, der am Samstag mit 88 Jahren gestorben ist.

In der DDR galt der Sohn eines Elektroingenieurs als „Karajan des Ostens“. Kein anderer Dirigent prägte, mit einem luxuriösen Ensemble wie dem Leipziger im Rücken, das Kulturleben so wie Masur. Dass er sich den Verlockungen des Westens widersetzte (eine Karriere dort wäre durchaus möglich gewesen), dass er von seinen schier unzähligen Gastspielreisen mit den Leipzigern immer wieder heimkehrte, das dankten Masur nicht nur die Klassikfreunde, sondern sicher auch die grauen Eminenzen des Politbüros.

Kurt Masur: Ungeplant Dirigent geworden

Über Orgel, Cello und Klavier geriet Masur, der am 18. Juli 1927 im schlesischen Brieg zur Welt kam, eher ungeplant in den Dirigentenberuf. Weil sein kleiner Finger der rechten Hand verkrümmt war, musste er von der Pianistenkarriere Abschied nehmen. Dann eben ans Pult, sagte er sich. Was heute fast ein wenig ausgeblendet wird: Eigentlich war Masur ein Mann des Musiktheaters, weniger des Symphonischen. Landestheater Halle, Städtische Bühnen Erfurt, später die Komische Oper Berlin, das waren drei wichtige Stationen. 1970 erfolgte dann der entscheidende Schritt: Das Gewandhausorchester berief ihn, und mit Masur wurden die Leipziger – über 900 Tournee-Konzerte belegen dies – auch international eine Marke, die durchaus neben Edel-Westlern wie Berliner Philharmoniker bestehen konnten.

Die Deutschromantik, Beethoven, Brahms, Bruckner, das wurde Masurs Domäne, aber auch Komponisten aus dem slawischen Raum. Anders als Karajan pflegte Masur weniger den luxuriösen Bombast-Sound, sondern entwickelte den dunklen, sämigen Klang der Leipziger hin zu einer schlanken, reaktionsschnellen, wiewohl substanzreichen Musizierweise. Auf ihn hörte man, nicht nur im Konzertsaal. Es gibt Zeitzeugen, die meinen: Nur dank Masur und des Aufrufs der „Leipziger Sechs“ konnten im Herbst 1989 blutige Auseinandersetzungen verhindert werden „Wir alle brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land“, schrieben sie damals. „Deshalb versprechen die Genannten heute allen Bürgern, ihre ganze Kraft und Autorität dafür einzusetzen, dass dieser Dialog nicht nur im Bezirk Leipzig, sondern auch mit unserer Regierung geführt wird. Wir bitten Sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“ Was zugleich bedeutet und diejenigen eher betrübt haben dürfte, die eine schnelle Wiedervereinigung wollten: Masur plädierte damals durchaus für eine Zweistaatenlösung. Er war – wie in der Musik – ein Evolutionär, kein Revoluzzer.

Kurt Masur und die New Yorker Philharmoniker

Auch der politische Ruhm, auch seine Bedeutung als Identifikationsfigur dürfte dazu beigetragen haben, dass die Neue Welt rief. Wie viele andere US-Orchester suchten die New Yorker Philharmoniker einen Mann aus dem guten alten, kulturell so reichen Europa – Kurt Masurs Zeit als Chefdirigent dort von 1991 bis 2002 bescherte ihm eine Art Zweitkarriere und sicherlich große Genugtuung, stand er doch bis 1989 auf dem Musikmarkt immer etwas im Schatten anderer Kollegen. Von nun an war Masur nicht mehr nur Botschafter der deutschen Musik, er wurde zum Weltbürger.

Schon bald jedoch wurde sichtbar, dass es ihm nicht gut ging. Parkinson, er selbst nahm dazu erst 2012 öffentlich Stellung. Doch mehrfache Knochenbrüche und Rückschläge hielten den großen Alten nicht vom Dirigieren ab. Als der angeschlagene Maestro mit der Dresdner Philharmonie in München vor einiger Zeit alle Beethoven-Symphonien aufführte, hielten selbst die Fans betroffen den Atem an. Noch vor kurzem kam Masur sogar im Rollstuhl auf die Bühne. „Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass man als Dirigent vor einem Orchester ein unerhört erfülltes Gefühl des eigenen Lebens hat“, hat er einmal, durchaus selbstkritisch, sein Festhalten am Beruf erläutert. „Und wer irgend kann, versucht sich dieses Gefühl zu bewahren.“

Markus Thiel

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