Aus der Kurve geschleudert

- Nach Manfred Trojahns "Was ihr wollt" vor sieben Jahren und Ludwig van Beethovens "Fidelio" 1999, beides im Münchner Nationaltheater, bringt Regisseur Peter Mussbach morgen eine weitere Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper heraus: die 1951 uraufgeführte Oper "Billy Budd" von Benjamin Britten (1913 - 1976). Kent Nagano, designierter GMD ab 2006, steht am Pult. Wir sprachen mit Peter Mussbach, dem Intendanten der Berliner Staatsoper Unter den Linden.

<P>Dies ist Ihre erste Inszenierung einer Britten-Oper . . .<BR><BR>Mussbach: Es ist meine erste Beschäftigung mit Britten überhaupt. Ein ganz neuer Kosmos. Britten verfügte über eine erstaunliche Metierkenntnis. Ähnlich wie Alban Berg, der wusste auch, wie das Theater funktioniert. Wenn man bei den Proben ins Detail geht, entdeckt man, dass "Billy Budd" bis in jede Nuance konzise, klar und sehr tief ist.<BR><BR>Ein wirkliches Meisterwerk. Wo setzen Sie bei Ihrer Interpretation an?<BR><BR>Mussbach: In der Partitur. Das Stück ist zunächst einmal eine Parabel auf Gutes und Böses und erinnert ein bisschen an das Höhlengleichnis von Platon. Der Schiffsprofos Claggart verkörpert das Böse. Er ist ein Sohn der Nacht, der das Leben, das Lebendige hasst. Und da kommt dieser Billy Budd, strahlt ihm seine Höhle hell aus und macht ihm klar, in welcher Kälte und Einsamkeit er dort sitzt.<BR><BR>"Billy Budd" wird an deutschen Bühnen sehr selten gespielt. Vielleicht weil es - opernuntypisch - nicht um Liebe geht?<BR><BR>Mussbach: Oh, doch! Vere, der schwache Kapitän, verliebt sich mit Anfang 40 erstmals in einen Mann. Das ist ihm bisher nie passiert, und er hasst Billy, weil der ihn aus der Kurve schleudern lässt. Als er schließlich über Billy (er erschlug Claggert, der ihn der Anstiftung zur Meuterei bezichtigte) richten soll, zieht Vere sich zurück und wird schuldig.<BR><BR>Wer ist dieser Billy Budd?<BR><BR>Mussbach: Ein Findelkind wie Moses. Er steht für das Einfache, Gerade, Offene, das Gute, das von außen kommt. Wie ein Katalysator bringt er Dinge zum Vorschein, die zuvor verdeckt waren.<BR><BR>Das Stück spielt auf einem englischen Schlachtschiff, Ende des 18. Jahrhunderts zur Zeit der Koalitionskriege gegen Frankreich.<BR><BR>Mussbach: Es spielt im ständigen Nebel, in einer Atmosphäre der Undurchsichtigkeit. Unsere Mannschaft erlebt den Nebel am Monitor, im Bauch eines Flugzeugträgers. Man darf das Stück nicht auf einen Segler setzen, es darf auch nicht darum gehen, dass die Segel richtig gehisst werden.<BR><BR>Warum nicht?<BR><BR>Mussbach: "Billy Budd" ist eine Metapher auf die Verlorenheit. Diese Menschen werden auf sich selbst zurückgeworfen. Ihr Schöpfer, Herman Melville, war kein normaler Geschichtenerzähler, er war ein Philosoph.<BR><BR>Kent Nagano dirigiert. Sie kennen sich?<BR><BR>Mussbach: Ja, wir haben mehrfach zusammengearbeitet. Wir bohren gern dicke Bretter. Im Februar bringen wir in Dresden "Salome" heraus und haben auch noch weitere gemeinsame Pläne.<BR><BR>Als Intendant haben Sie den Münchner Filmboss Bernd Eichinger als Regisseur eines neuen "Parsifal" nach Berlin eingeladen. Der Publicity wegen?<BR><BR>Mussbach: Nein, es geht nicht um ein Event. Eichinger ist durch seinen Vater stark sozialisiert mit Wagner. Er kann mit der Kosmologie des Stücks viel anfangen. Er wird eine fantastische Geschichte, eine Reise durch die Zeit erzählen. Ich klinke mich als Dramaturg mit ein.<BR><BR>Sie bieten an der Berliner Staatsoper neben dem neuen Blick auf das Repertoire, neben der Pflege des 20. Jahrhunderts, jährlichen Uraufführungen und neuen Formen des Musiktheaters als ehemals in München praktizierender Psychiater auch ein quasi therapeutisches Programm.<BR><BR>Mussbach: Die Oper muss sich öffnen in die gesellschaftliche Realität hinein. Sie muss die Menschen von draußen abholen. Wir nutzen die Wirkung der Musik, ihre soziale Kompetenz in zwei speziellen Projekten: Junge Berliner Komponisten arbeiten bei Hyphop erfolgreich mit hyperaktiven Kindern zusammen. Außerdem gelingt es ihnen, Alzheimer-Patienten durch die gemeinsame musiktheatralische Arbeit aus ihrer inneren Leere heraus bis hin zur Spiritualität zu führen. Wir nehmen alles, was wir machen, sehr ernst, tun es mit Freude und wissen, was wir anzubieten haben.</P><P>Das Gespräch führte Gabriele Luster</P>

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