„Die Märchen von Beedle dem Barden“

Kurz, klug – und voller Zauber

Aus. Schluss. Vorbei. Die sieben Bände „Harry Potter“ sind abgeschlossen. Um die Fans nicht allzu sehr zu betrüben, wirft Joanne K. Rowling rechtzeitig zu Weihnachten ein neues Buch aus der Zauberwelt auf den Markt: „Die Märchen von Beedle dem Barden“.

„Harry hob aufhorchend den Blick. Dass Ron ein Buch gelesen hatte, das Hermine nicht kannte, war noch nie dagewesen...“, heißt es in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“. Freunde der Geschichten des Zauberlehrlings wundert das nicht: Hermine hat ihre Kindheit unter Muggeln, also Menschen ohne Zauberkräfte, verbracht, während Ron unter Zauberern aufwuchs. Was für Hermine also Dornröschen, Schneewittchen oder Aschenputtel war, das bedeutete für Ron „Der Brunnen des wahren Glücks“ oder „Der Zauberer und der hüpfende Topf“ – eben „Die Märchen von Beedle dem Barden“.

In der Muggel-Welt kannte diese Geschichten bisher keiner. Doch zumindest die letzte von ihnen, „Das Märchen von den drei Brüdern“, lieferte Harry im letzten Roman den entscheidenden Hinweis im Kampf gegen den dunklen Lord.

Jetzt legt Rowling den Zauberwelt-Klassiker komplett vor. „Aus den ursprünglichen Runen übertragen von Hermine Granger“, heißt es im Untertitel. Dazu wurde der Band mit wissenschaftlichen Anmerkungen und Kommentaren von Professor Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore versehen. Damit sind nun die Figuren aus der Harry-Potter-Welt endgültig mit der realen Autorin Joanne K. Rowling verschmolzen.

Das Bändchen ist mit etwas über 100 Seiten auf zwei Ebenen lesbar: Einmal bieten die fünf (jeweils zwischen sieben und 13 Seiten langen) Märchen nette Geschichten zum Vorlesen für kleinere Kinder.

Zum anderen ergibt die Kombination der Märchentexte mit den (jeweils sieben- bis zwölfseitigen) Dumbledore’schen Kommentaren eine kluge Deutungsmöglichkeit der Texte für Erwachsene. Zugleich finden sich darin übrigens ein paar bitterböse satirische Seitenhiebe auf die in England sehr populäre Kindermärchenwelt der Beatrix Potter.

Worum geht es also in diesen Märchen? Die Geschichten propagieren Werte wie Toleranz, Großzügigkeit und Liebe. Zum Beispiel wird da ein böser Zauberer durch seinen Topf gezwungen, den Menschen zu helfen, oder die Figuren eines anderen Märchens können sich nur dadurch retten, dass sie einem anderen helfen. „Des Hexers Haariges Herz“ setzt sich mit dem Streben nach Unverwundbarkeit, die letzte Geschichte mit dem Wunsch nach Unsterblichkeit auseinander: Drei Brüder dürfen sich vom Tod etwas erbitten. Die ersten beiden Gaben versagen. Nur die dritte, die sich der demütigste, weiseste der Brüder gewünscht hat, einen Mantel, der unsichtbar macht, verbirgt seinen Herrn so lange vor dem Tod, bis er freiwillig bereit ist zu sterben.

Joanne K. Rowling ist ein kurzes, aber kluges Büchlein über die wichtigsten und letzten Dinge des Lebens gelungen.

von Hildegard Lorenz

Joanne K. Rowling:

„Die Märchen von Beedle dem Barden“. Carlsen Verlag, Hamburg, 110 Seiten; 12,80 Euro.

Der Erlös dient sozialen Zwecken. Zusammen mit der englischen Politikerin Baroness Winterbourne hat Rowling die „Children’s High Level Group“ gegründet, die sich besonders für Waisenkinder in Osteuropa engagiert und der die Honorare der Autorin zufließen.

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