Kurz vor dem Olymp

- Den 21. Januar 2006 haben sich die Stimmschlürfer schon mal fest umkringelt. Da besteigt "La assoluta" endlich den Belcanto-Olymp, dem sie sich seit einiger Zeit über konzertante Anläufe nähert. Dann nämlich wird Edita Gruberova - in München, wo sonst - ihre erste szenische Norma singen. Die Titelpartie der Bellini-Oper ist so ziemlich die härteste Nuss der italienischen Opernliteratur und zudem von einschlägigen Diven à` la Callas für die Ewigkeit geprägt. Angeblich.

Erstmals testete Edita Gruberova die Norma in Japan, es folgten Baden-Baden und kürzlich, dirigiert noch von Marcello Viotti, Wien. Das Baden-Badener Ereignis liegt nun auf CD vor. Wer nicht live dabei war, muss spätestens jetzt zugeben: Der Sopranistin gelingt eine exemplarische Deutung, die manche Kollegin vergessen lässt, eben weil pure, echte, eigene Gruberova geboten wird. Gut, ins "Casta Diva" mögen sich Unebenheiten schleichen. Doch wählt die Gruberova die unbequeme, höher notierte Fassung. Außerdem ist sie keine, die sich's in der Partie (wie die Caballé´) schönklanglich und kuschelig einrichtet. Unter den weit gespannten Melancholie-Linien lauert hier stets Dramatik. Was ja bei einer liebeskranken Priesterin, die sich fast an ihren Kindern vergreift und am Ende den Scheiterhaufen erklimmt, nur angemessen ist.<BR><BR>Mit jeder Minute steigert sich die Gruberova. Und bei der Auseinandersetzung mit Adalgisa ist der unwiderstehlichste Moment der Aufnahme erreicht. Jeder Ton wird auf die Waagschale gelegt, auf Bedeutung, Färbung und Ausdruck befragt. Eine Dramatik ohne äußerliche Affekte. Ein Rollenporträt, mit dem nur Elina Garanca (Adalgisa) Schritt halten kann. Die Lettin gibt den Vorgeschmack auf eine Weltkarriere: mit einem dunklen, herben Timbre von außerordentlicher Qualität, mit perfekt verblendeten Registern und einem Respekt einflößenden Tonumfang.<BR><BR>Aquiles Machado (Pollione) schlägt sich achtbar, neigt zu schwerfälligem Heldenpathos. Und Dirigent Friedrich Haider setzt die Partitur weniger unter Starkstrom, lässt sie vielmehr von innen heraus leuchten. Zweifellos: Die extremen Erwartungen hat Edita Gruberova mit ihrer vielleicht letzten neuen Partie erfüllt. Jetzt müssen Münchens Opernfans halt nur noch die Zeit bis Januar herumkriegen.<P>Vincenzo Bellini: "Norma". Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Friedrich Haider (Nightingale).<BR><BR></P>

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