Dortmund besiegt "Fluch von Berlin" - Triumph für Tuchel

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Der kurze Augenblick der Erwartung

München - "Lass sie raus, die Intensität. Die Freude an der Konfrontation. Der belebende Atem der altvertrauten Streitlust lockte mich, die längst abgelegte Rolle wieder anzunehmen... (Sie) hatten die Männlichkeit in mir wiedererweckt, die Männlichkeit des Geistes und der Seele und des Begehrens und der Absicht und der Sehnsucht, wieder unter Menschen zu sein, wieder eine Frau zu haben und wieder die Freude an der eigenen Kraft zu spüren. Es war alles wieder da ­ der männliche Mann war wieder zum Leben erweckt! Nur dass es keine Männlichkeit gab, sondern lediglich den kurzen Augenblick der Erwartung."

Das ist das persönliche Spannungsfeld, in dem sich Erfolgsschriftsteller Nathan Zuckerman bewegt: ein 71-jähriger Mann, der nach zehn Jahren Einsamkeit sein ländliches Exil verlässt, um zu einer Prostatakrebs-Nachuntersuchung nach New York zu fahren, und sich spontan entschließt, in der Stadt zu bleiben, wieder dort zu leben.

"Exit Ghost" heißt der aktuelle Roman des bedeutenden amerikanischen Schriftstellers Philip Roth (75). Jedes Jahr als heißester Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, gibt sein jüngstes Buch abermals und dringlichen Anlass, ihn endlich gebührend zu ehren.

"Exit Ghost" ist ein grandioser Roman. Zuletzt wurde Roth, der Autor des "Menschlichen Makel", für seinen "Jedermann" vielfach gefeiert: ein nicht ohne Altmänner-Larmoyanz verfasster Abgesang aufs Leben, der penibel darüber spricht, worüber alte Menschen gerne reden ­ Krankheiten. Ganz anders nun "Exit Ghost". Auch hier wirft Philip Roth durch die Brille seiner übrigens schon aus anderen Romanen bekannten Hauptfigur Nathan Zuckerman einen Blick auf die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit der menschlichen Existenz. Aber wie ist er dabei dem Leben zugewandt! Mit welcher Lust ­ und Trauer zugleich! Mit welcher Neugier und fabelhaften Kraft! Das ist keine Altherrenliteratur. Das ist großes Lebenstheater. Und es umfasst alle Bereiche.

Dabei ist die Sicht Zuckermans auf die amerikanische Gegenwart durch und durch negativ. Die Romanhandlung spielt im Jahr 2004. Gerade wurde Bush in seiner zweiten Amtszeit bestätigt. Eine Katastrophe in den Augen der jungen intellektuellen Elite New Yorks. Doch wie ist diese neue Generation geistiger Koryphäen selbst beschaffen? Immerhin übt sie auf Zuckerman einen unwiderstehlichen Reiz aus. Gleichzeitig aber übt er sich in kritischer Distanz zu dieser "Welt voller Aufsteiger".

Sie ist zunächst allerdings nicht der Grund seines Bleibens in New York. Den liefert die so zufällige wie flüchtige Begegnung im Ärztehaus mit einer alten Frau, die offensichtlich durch eine Hirntumor-Operation verunstaltet ist. Vor einem halben Jahrhundert war sie, Amy, die Lebensgefährtin des Schriftstellers E. I. Lonoff, der für den jungen Zuckerman einst Vorbild und Idealfigur war. Heute kennt diesen Lonoff so gut wie niemand. Mit Ausnahme des ehrgeizigen Karrieristen und Jungautors Kliman, der eine Biografie über den großen Unbekannten schreiben will: weniger um dessen Werk zu würdigen, als um schmutzige Wäsche zu waschen. Was Zuckerman um jeden Preis verhindern will.

"Erstaunlich", resümiert er am Ende, und mit ihm tut dies wohl auch Philip Roth, "dass einem das eigene Können und die Leistungen, die man erbracht hat, zuletzt dadurch vergolten werden, dass sie der Inquisition eines Biografen ausgeliefert sind. An den Mann, der die Herrschaft über die Worte hat, der sein Leben lang Geschichten erfunden hat, erinnert man sich nach seinem Tod, wenn überhaupt, dann nur wegen einer Geschichte, die ein anderer über ihn erfunden hat."

Doch zurück zu Amy, der einst jungen Geliebten des alten Autors Lonoff. Zuckerman, der Romanheld, kannte sie von früher, will sie nun noch einmal treffen. Und als er in der Zeitung die Anzeige eines jungen Paares liest, das seine Stadtwohnung tauschen will gegen einen ruhigen Landsitz, steht sein Entschluss fest. Sofort macht er sich auf den Weg zu den beiden und verliebt sich, natürlich, unsterblich in Jamie; eine schöne, schlangengleiche, brillante junge Frau aus dem Öladel-Milieu von Texas, die aus Provokation den Juden Billy geheiratet hat.

Das Drama beginnt. Im Bewusstsein seiner ganz und gar körperlichen Unzulänglichkeit -­ impotent und inkontinent -­ hat Zuckerman das Gefühl, hier seiner großen Liebe begegnet zu sein. Er buhlt um sie, verzweifelt, zynisch, fiebrig, gemein und mitunter auch komisch. Um die Auseinandersetzung mit Jamie in ihrer ganzen Dringlichkeit zu erfassen, hat Philip Roth sie verschiedentlich in Dialogform gebracht. Da geht es Schlag auf Schlag; ein Theaterstück mitten im Roman, geschrieben allerdings eher für den Boulevard. Denn für eine Tragödie, signalisiert Roth damit, taugt diese "Verirrung" Zuckermans nicht:

"Ich betrachtete mich mit angemessener Häme und Verachtung und war abgestoßen vom Ausmaß meiner Verzweiflung, doch die sexuelle Verbindung zwischen mir und den Frauen war vor Jahren durch die Prostataoperation so abrupt unterbrochen worden, dass ich jetzt, im Gespräch mit Jamie, nicht anders konnte, als diese Tatsache auszublenden und einem Ego zu gehorchen, das ich nicht mehr besaß."

Die Tragödie leben andere. Amy vielleicht, alt, arm, einsam und schwerkrank, die noch 50 Jahre nach dem Tod Lonoffs nur in seiner Liebe existiert, aber drauf und dran ist, sich sein bislang unveröffentlichtes Romanmanuskript aus den Händen reißen zu lassen.

Indem Philip Roth von dieser Tragödie erzählt, relativiert er nicht nur das individuelle Schicksal Nathan Zuckermans. Er schlägt damit auch einen Bogen zum literarischen Amerika von einst und jetzt. Und zeichnet aus der Distanz des in die Stadt zurückgekehrten Schriftstellers ein Zustandsbild der westlichen Welt nach dem 11. September 2001, wie es klarer, nüchterner, stimmiger nicht sein kann.

Ein aufregend schönes Buch über die Liebe und ihre Unmöglichkeit. Sprachlich hervorragend. Formal raffiniert. Und immer auch voller Ironie und Poesie. Am Ende fantasiert Nathan Zuckerman sich noch einmal in die Erfüllung seiner Liebe hinein. Er schreibt den letzten Dialog von "Er und Sie". Darin bringt er per Telefon die junge Frau dazu, sich auf den Weg zu ihm ins Hotel zu machen. Indessen packt er hastig seinen Koffer ­ und verschwindet. "Er löst sich auf." Große Literatur. Der Roman des Jahres.

Philip Roth: "Exit Ghost". Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren. Carl Hanser Verlag, München, 297 Seiten; 19,90 Euro.

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