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„La fanciulla del west“ mit Jonas Kaufmann in München: Desperado im Herbst

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Von: Markus Thiel

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Malin Byström und Jonas Kaufmann.
Schau‘ mir in die Augen, Kleines: Szene mit Minnie (Malin Byström) und Dick (Jonas Kaufmann). © Wilfried Hösl

Dreieinhalb Jahre nach der Premiere zeigt die Bayerische Staatsoper erneut „La fanciulla del west“ - mit Jonas Kaufmann als Dick. Doch die Absahner dieser Wiederaufnahme sind Malin Byström und Daniele Rustioni.

Der Schritt zum Western-Groschenheft ist klein – und damit zur unfreiwilligen Parodie. Deshalb funktioniert ja Andreas Dresens Puccini-Inszenierung, auch dreieinhalb Jahre nach der Premiere. „La fanciulla del west“ ist bei ihm schmuckloses Kohlenminen-Drama aus einer dunklen Neuen Welt ohne Lasso und Marterpfahl. Die Wiederaufnahme an der Bayerischen Staatsoper lockt nun mit Jonas Kaufmann als Dick Johnson: ein (auch vokal) herbstlicher Desperado. Virile Kraftausbrüche funktionieren wie immer, ansonsten merkt man, dass der Star kein Probenfan ist. Manches spielt er sogar einen Tick zu komisch, zu konziliant – den in Liebe entflammten Mörder nimmt man ihm nicht ganz ab.

Aber gegen Malin Byström hätte auch jeder andere einen schweren Stand. Ihre Minnie ist eine junge, moderne Frau, die in diese schweiß- und hormontriefende Kerle-Welt einfach nicht passt. Auch stimmlich: Die Schwedin verfügt über einen eher lyrisch sozialisierten Rubin-Sopran, der sich weiten und Raum erobern kann. Das ist alles so intensiv erfühlt und dargestellt, als sei Byström seinerzeit bei der Premierenvorbereitung dabei gewesen. Bariton Claudio Sgura hat das Problem, dass Regisseur Dresen zum bösen Sheriff Jack Rance nicht furchtbar viel eingefallen ist. Der Italiener packt klanglich und darstellerisch folglich das Besteck des klassischen Fieslings aus – was ja ganz effektvoll sein kann.

Neu in dieser Produktion ist ebenfalls Daniele Rustioni. Unter 120 Prozent macht’s der Erste Gastdirigent der Staatsoper nicht. Das ist ein sehr wirkungsbewusster Cocktail aus Hyperemotion, Genussdeutung und kundigem Lotsendienst. Dass die „Fanciulla“ ein (zu) lautes Stück sein kann, hört man an diesem Abend. Und auch, dass in den großen Nummern, in die sich Chor und Solisten hineinwerfen, manches entgleiten kann. Wohl deshalb reichte Rustioni beim Schlussjubel dem wie fast immer mitdirigierenden Souffleur dankbar die Hand.

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