Labor im Wandel

- Dunstabzug ja oder nein? Wird ein Fettabscheider gebraucht? Darf warm gekocht oder nur die belegte Semmel gereicht werden? Eine Dreiviertelstunde biss sich Münchens Kulturausschuss gestern an solch unwürdigen Kleinigkeiten fest. Dabei ging es um Bedeutendes: um das Betriebskonzept für das künftige Jüdische Museum am Jakobsplatz. Was im Grunde auch auf Einstimmigkeit traf, nicht aber die Frage, wie die Besucher verköstigt werden sollen. Doch Essensmöglichkeiten gibt es in dieser Gegend zuhauf, die Stadträte votierten also für eine "Café´teria mit Imbiss" - womit das eigentlich Wichtige wieder in den Vordergrund rücken darf.

<P>Auf drei Geschossen und insgesamt 800 Quadratmetern soll ein Überblick über die Jüdische Geschichte Münchens gegeben und "Grundlagen jüdischer Identität" vermittelt werden, wie es Gründungsdirektor Bernhard Purin ausdrückte. Eine Dauerausstellung wird dabei nur im Untergeschoss eingerichtet. Die Planer orientieren sich dabei vor allem an Familien, ein "Lernen mit allen Sinnen" soll den Einstieg in die Thematik erleichtern.</P><P>Um Besucher immer wieder an den Jakobsplatz zu locken, auch um der überbordenden Vielfalt des Themas Rechnung zu tragen, soll sich das Jüdische Museum ständig verändern: Ausstellungen werden fortentwickelt, neue Exponate kommen hinzu, Wander-Schauen sollen für eine bestimmte Zeit in die Landeshauptstadt geholt werden. Die Institution versteht sich demnach als "wandelndes Laboratorium", das in ständigen Dialog mit den Besuchern trete, wie es im Konzept heißt.</P><P>Geplänkel ums leibliche Wohl</P><P>Kosten wird das Jüdische Museum rund 14,5 Millionen Euro, 7,5 Stellen weist der Personalplan aus. Der Verwaltungsbereich wird ins Ignaz-Günther-Haus ausgelagert, das bisher die Artothek beherbergte. Und das Thema der Ausstellung, mit der das Museum Anfang 2007 eröffnet wird, steht auch schon fest: "Jüdisches Sammeln". Die Schau befasst sich mit der Geschichte des Sammelns von Jüdischem und der Historie der jüdischen Sammler in München. Die meisten Exponate stammen aus Israel und den USA.</P><P>Auch über die Jahre 2008 bis 2010 hat sich Direktor Bernhard Purin Gedanken gemacht. Zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel wäre eine Ausstellung "München und Israel" denkbar, die sich mit den vielfältigen Verflechtungen zwischen der Landeshauptstadt und dem Nahen Osten befasst. Die Geschichte der "Displaced Persons" könnte mit der Schau "Born in Munich" beleuchtet werden. Und 2010 wäre der geeignete Zeitpunkt, um auf 20 Jahre "Zuwanderung jüdischer Bürger aus den GUS-Staaten" zurückzublicken.</P><P>Ergänzend zu den Ausstellungen ist ein Info-Zentrum im Foyer geplant, ein Studienbereich, ein Bücher-Shop, eine Bibliothek - und eben die umstrittene Anlaufstelle fürs leibliche Wohl. Abgesehen vom Geplänkel ums Essen wurde im Ausschuss aber das Museumskonzept allseits gelobt. Kulturreferentin Lydia Hartl sprach gar von einem "großen Tag". München könne "stolz sein, dass es in Zeiten von Sparzwang und Konsolidierung eine neues Museum baut, das die jüdische Kultur wieder ins Zentrum der Stadt rückt". Sollte sich also der Stadtrat am 6. Oktober der Empfehlung des Kulturausschusses anschließen, steht dem Museum nichts mehr im Wege.</P>

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