Labyrinth des Lebens

- Seine Oper ist erst halb fertig, doch der Uraufführungstermin steht fest: Am 5. Mai 2006 eröffnet der Münchner Christoph Staude mit "Wir" die Reihe der Uraufführungen, die das Internationale Festival für neues Musiktheater bietet. Die 10. Münchener Biennale wartet auf mit zwei weiteren Opern - "La philosophie dans le labyrinthe" von Aureliano Cattaneo und "Gramma" von José´ M. Sanchez-Verdu - und der musiktheatralischen Gemeinschaftsproduktion "Barcode".

Zwei große Konzerte flankieren das Opern-Programm: Peter Hirsch dirigiert die Münchner Philharmoniker mit Werken von Nono, Huber, Lachenmann, und Peter Ruzicka leitet ein musica-viva-Konzert zum 80. Geburtstag des Biennale-Schöpfers Hans Werner Henze. In einem "Klangspuren"-Konzert präsentiert sich Cattaneo. Biennale-Chef Peter Ruzicka sparte bei der Pressekonferenz nicht mit Lob für die Stadt, die trotz Sparmaßnahmen an diesem "Laboratorium für musiktheatralische Zukunftsfindung" festhält und auch weiter "Klangspuren" zur jeweils nächsten Biennale 2008 legt.

Auch die 10. Biennale entwickelt sich wieder unter einem Leitgedanken: "Labyrinth - Widerstand - Wir". Es geht um "das Labyrinth neuer Lebenserfahrungen", aber auch um den "ästhetischen Widerstand als künstlerische Selbstbehauptung". Obwohl Staudes "Wir" der 1920 verfasste, gleichnamige, utopische Roman von Jewgenij Samjatin zugrunde liegt, handelt es sich nicht um eine Literaturoper. Staude beschreibt sein Werk, das in einem totalitären Staat spielt, als ein "Zustands-Pandämonium". Im Mittelpunkt steht "die Diskrepanz zwischen Sicherheit und Freiheit". Das Münchner Rundfunkorchester unter Christian Hommel bestreitet die Uraufführung, die Helen Malkowsky in der Bühnen-Installation von Michael Growe inszenieren wird.

Zu "Die Philosophie im Labyrinth" wurde der junge Italiener Cattaneo durch Dürrenmatt inspiriert. Zusammen mit Eduardo Sanguineti, seinem Librettisten, schuf er ein poetisch-metaphysisches Werk, in dessen Zentrum Minotaurus steht. Er ist gefangen in einem Labyrinth aus Spiegeln, begegnet dort seinen Opfern. Der Stiermensch singt seine Arien ohne Orchester. Sänger, Tänzer und Stimmen sorgen dafür, dass dauernde Perspektivenwechsel stattfinden. Die zusammen mit NetZZeit Wien produzierte Oper inszeniert Michael Scheidl, Emilio Pomarico dirigiert das Klangforum Wien.

In "Gramma" (Gärten der Schrift) setzt sich der Spanier Sanchez-Verdu mit einem "zivilisatorischen Urkonflikt", der Findung der Schrift, auseinander. Er bezieht sich auf Platon, Homer, Ovid, Dante, Augustinus und kreist um die Schrift, um Erinnerung und Vergessen. Die "totale Digitalisierung und Vernetzung" des Individuums, das wissend zuschaut und "keinen Widerstand" leistet, regte Cornel Franz zu "Barcode" an. Realisiert wird das Projekt zusammen mit der Theaterakademie und der Musikhochschule.

"Wie viel Freiheit erträgt die Sicherheit?" und umgekehrt, mit diesen Fragen beschäftigt sich das dreiteilige Musiktheater. An vier Turntables sampeln, verfremden zwei Top-DJs, Alexandra Holtsch und Vincent von Schlittenbach, Musik, die Siegfried Mauser und Ruzicka ausgewählt haben. Präsentiert wird bei der Biennale auch Klaus Schedls Projekt "City Scan: München", für das der junge Münchner ein städtisches Stipendium erhielt.

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