Labyrinth der Seelen

- Sechs Erzählungen - ein Roman. Zusammengehalten durch Shenja, die zentrale Figur jeder dieser Lebenslügen-Geschichten. Obwohl Shenja selbst nur am Rande vorkommt - außer in der letzten Geschichte, "Die Kunst zu leben" -, erfahren wir scheinbar wie nebenbei alles über das Leben dieser etwa 30-jährigen Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin, die ihre erste und gescheiterte Ehe bereits hinter sich hat und jetzt mit ihrem kleinen Sohn Ferien macht.

<P>Das ist der Stand zu Beginn des Buches "Die Lügen der Frauen" von Ljudmila Ulitzkaja. Von einer Story zur anderen bleibt Shenja sich zwar stets treu, aber mit den sich rasch wandelnden Nach-Sowjet-Zeiten gestaltet sich auch ihr Leben wechselvoll. Berufliche Veränderung, Aufstieg, Drehbuchautorin, Verlagsleiterin. Wie zufällig erfährt man bei der Lektüre, dass sie ein zweites und ein drittes Mal geheiratet und auch einen weiteren Sohn bekommen hat. Genauso beiläufig: die Mitteilungen über das neue russische, nunmehr bürgerliche Leben. Und wenn Shenja auch erst in dem letzten, dem sechsten Teil und auch da erst ganz zum Schluss zur Hauptperson avanciert, nimmt ihre kluge, warmherzige, freundschaftliche Art von Anfang an für sich ein.</P><P>"Die Lügen der Frauen" erzählen immer von den Lebenslügen, die das kleine, armselige Dasein der einzelnen Personen ein bisschen aufwerten - vor anderen oder vor sich selbst. Ob es die schillernde Tochter eines englischen Spions ist, deren Unglück - vier verstorbene Kinder - Shenjas eigenes Liebespech erblassen lässt, oder ob es sich um die verlockende Geschichte der greisen Lyrikprofessorin Anna Weniaminowna handelt. Gedichte rezitierend, zieht die Alte die kleine Mascha in ihren Bann, eröffnet damit dem jungen Mädchen eine neue Welt, nämlich die der Literatur, und berauscht sich selbst an der Illusion, ein Genie wie die Zwetajewa zu sein.</P><P>Es geht überhaupt in jeder Erzählung um Illusion. Die Illusion der russischen Huren in Zürich. Die Illusion der Dreizehnjährigen, die ihren Onkel liebt, der ein Künstler ist. Schließlich die Illusion, aus der am Ende Shenja selbst Kraft schöpft, nach der eigenen Tragödie weiter zu leben. Und als Leser ist man ans Buch gefesselt durch die Illusion, nun selbst all diese Menschen, deren Innerstes Ulitzkaja so radikal wie liebevoll freigelegt hat, genau zu kennen.</P><P>Die Autorin führt durch das Labyrinth der Seelen. Eine Bereicherung, ihr dabei zu folgen. Ein hervorragender Appetitanreger auf die Frankfurter Buchmesse mit ihrem diesjährigen Schwerpunkt Russland.</P><P>Ljudmila Ulitzkaja: "Die Lügen der Frauen". Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Carl Hanser Verlag, München. 165 Seiten, 16, 90 Euro.</P>

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