Lachen aus Empörung

- Diese Geschichte zweier Ehepaare ist ja schon ein Klassiker: Franz Xaver Kroetz' "Nicht Fisch nicht Fleisch", jenes Stück, das er zwei Jahre nach der Uraufführung 1981 selbst an den Münchner Kammerspielen herausgebracht hat. Nun gibt es ein Wiedersehen mit diesem streng sozialkritischen Text. Und siehe da, er ist doch wieder erstaunlich aktuell. Wenn auch die Details - der Verlust des Berufs als Schriftsetzer durch die Einführung der Computer, das traditionelle Rollenklischee von Mann und Frau - längst historisch sind.

<P>Ex-Intendantin Ruth Drexel hatte im letzten Sommer "Nicht Fisch nicht Fleisch" für die Tiroler Volksschauspiele in Telfs inszeniert. Nun ist diese Produktion beim Koproduzenten Münchner Volkstheater angekommen und bereichert das junge Repertoire der Stückl-Bühne um eine rundum gute, schauspielerisch attraktive Aufführung.</P><P></P><P>Die Bühne - wie eine Schuhschachtel. Eine Schiebewand gibt mal den Blick frei auf das Schlafzimmer von Helga und Hermann, mal auf das von Emmi und Edgar, mal auf die Küche dieses, mal auf die Küche jenes Paares. Und weil gegen Ende des Textes, wenn beide Arbeiter ihre Arbeit verloren haben, vom Schwimmen die Rede ist und davon, dass die Familie schon nicht untergehen werde, hat sich Drexel von ihrem Bühnenbildner Karl-Heinz Steck vor die Wohnräume und über die ganze Bühnenbreite einen See setzen lassen, durch den der splitternackte Edgar und der lautsprecherverstärkt furzende Hermann flutschen.</P><P>Dass es hier zu Ähnlichkeiten mit den Wasserspielen der "Orestie" in der Jutierhalle kommt, ist aber rein zufällig. Ruth Drexel kann für sich in Anspruch nehmen, dass sie - nämlich schon im August in Telfs - die erste war mit der Planschbecken-Ästhetik. Ein symbolischer, deftiger, Kroetz-gemäßer Witz, der in dieser Inszenierung fein ironisch ins Happy End des Ehe- und Kleinbürger-Wohlstands-Idylls führt.</P><P>Ansonsten aber geht es sehr seriös zu in dieser Aufführung. Ohne den Kroetz-Text zu aktualisieren, lassen sich mühelos aktuelle Firmenpleiten und Rationalisierungen assoziieren. Und dass Kroetz auch mit der Darstellung der Ehekonflikte irgendwie doch immer noch nah dran ist an der Wirklichkeit, beweisen die Aha- oder auch Empörungslacher im Publikum.</P><P>Realismus ist in dieser Aufführung Trumpf. Krista Posch, taffe Karrierefrau einer Supermarktkette, glaubt man uneingeschränkt, dass sie gleich und erfolgreich die Filiale an der nächsten Ecke übernehmen wird. Und Judith Keller, die das fröhliche "Muttertier" Helga spielt, nimmt man sowohl die gut gelaunte Stimmungskanone ab als auch die tragische Seite ihrer Rolle, wenn sie aus so genannten Vernunftgründen und um der sozialen Akzeptanz willen ihr drittes Kind abtreibt.</P><P>Typgemäß bestens besetzt sind auch die Männer mit Lorenz Gutmann als Arbeitnehmer-Weichei Edgar sowie Klaus Rohrmoser, der glänzend den alerten Gewerkschafter mimt. Klassenkampf und nichts dahinter. Wunderbar, wie Kroetz das vor 20 Jahren, in seiner postkommunistischen Phase, mit der theatralischen Kraft und dem Witz eines Ödön von Horv|2ath engagiert und selbstironisch von allen Seiten beleuchtet, sicher balancierend zwischen Komödie und Sozialtragödie.</P><P>Es macht Spaß, dem wieder zuzuschauen. Am Ende großer Beifall.</P><P>SABINE DULTZ</P><P>Die Besetzung <BR>Regie: Ruth Drexel. Bühne: Karl-Heinz Steck. Kostüme: Zwinki Jeannée. Darsteller: Judith Keller (Helga), Krista Posch (Emmi), Klaus Rohrmoser (Hermann, Helgas Mann), Lorenz Gutmann (Edgar, Emmis Mann).</P><P>Die Handlung <BR>Zwei Ehepaare Ende der 70er-Jahre. Emmi ist Supermarkt-Verkäuferin mit Aufstiegschancen. Fürs eheliche Sexualleben hat sie keine Zeit mehr. Ihr Mann Edgar ist Schriftsetzer. Er leidet erstens darunter, dass ihm die "Scheißfirma" seiner Frau ins Bett hinein regiert, und zweitens, dass ihm sein Beruf wegrationalisiert wird. Er kündigt, und langsam dreht er durch, weil nun Emmi "Herr im Haus" ist. Das andere Paar: Helga ist Hausfrau und schwanger. Ehemann Herrmann gerät in seiner selbstgewissen Pose des Klassenkämpfers ins Wanken: Seine Frau übt den ehelichen Protest, und die Betriebskollegen hören auf, ihn zu akzeptieren. Ehehölle à la Strindberg.<BR></P>

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