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Graue Hose, graues T-Shirt mit V-Ausschnitt, schwarzer Vorhang – mehr braucht er nicht: Das Leben, sagt Kabarettist Dieter Nuhr, sei sowieso „Nu(h)r ein Traum“.

Dieter Nuhr: Lachen gegen manische Negativität

München - Spitzen-Kabarettist Dieter Nuhr gastierte mit seinem neuen Programm "Nu(h)r ein Traum" im Circus Krone. Lesen Sie hier die Kritik:

Die Erde versinkt im Müll und Europa im Schulden-Chaos. Mit der Menschheit geht es bergab – besonders mit den Deutschen: Sie schuften bis 67 und dann reicht die Rente lediglich zum Dahinvegetieren bis zum unvermeidbaren Absterben. Schlechte Aussichten. Doch das ist alles gar nicht so schlimm – denn das Leben ist ja „Nu(h)r ein Traum“.

Auch beim Titel seines zehnten Bühnenprogramms hält sich Kabarettist Dieter Nuhr an die bewährte Wortspielerei mit seinem Nachnamen. „Nu(h)r ein Traum“ hat er am Samstag im ausverkauften Münchner Circus Krone einem begeisterten Publikum vorgestellt. In seinem Programm rechnet der 52-Jährige vor allem mit jenen Deutschen ab, die ständig grübeln, nörgeln, unzufrieden sind, weil es ihnen und dem Land ja gar so schlecht geht: Die Grünen, die „Spießer 2.0“, wollen alles verbieten, was Spaß macht. Die Vegetarier behaupten, Fleisch mache aggressiv. Und die Therapeuten finden in jedem Traum Hinweise auf eine ödipale Störung – Sigmund Freud lässt grüßen. „Manische Negativität“ nennt Dieter Nuhr das.

Von dieser will er sein Publikum in den gut zwei Stunden kurieren – und zwar mit Lachtherapie. Das gelingt ihm in gewohnter Dieter-Nuhr-Manier mit seinem trockenen, teilweise sehr schwarzen Humor, den seine angenehm weiche, wenig nuancenreiche Stimme unterstreicht. Der zentrale Satz des Abends lautet: „Die Welt ist ein Lebenshort und kein Sterbehospiz.“ Und das Leben ist nur ein Traum. Und bald sind wir sowieso alle tot.

Gerade weil alles nur ein Traum ist, gibt es auch kein Bühnenbild. Dieter Nuhr steht in dunkelgrauer Jeans, grauem V-Shirt und Turnschuhen vor einem schwarzen Vorhang. Den Rest solle man sich bitteschön selbst dazu denken. Etwas irritierend wirkt leider, dass er sein iPad dabei hat, vor dem er immer wieder abzulesen scheint.

Die Welt findet nur im eigenen Kopf statt: Ein philosophisches Thema, mit dem sich Dieter Nuhr augenzwinkernd in eine Reihe mit Denkern aus vielen Jahrhunderten stellt. So zitiert er etwa René Descartes berühmten Ausspruch „Cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich“. Solche Tiefgründigkeit passt aber so gar nicht in sein Kabarett-Programm. Da liegt es schon näher, wenn er die „Lyrik“ von Mallorca-Sänger Mickie Krause als inspirierend bezeichnet. Und da das Leben am besten mit Alkohol zu ertragen ist, darf auch Willy Millowitsch nicht fehlen: „Schnaps, das war sein letztes Wort, dann trugen ihn die Englein fort.“ Die zentrale Frage sollte deshalb nicht lauten: „Wer bin ich?“, sondern, wenn der Alkohol mal wieder die Gedanken vernebelt: „Wo bin ich und wie komme ich nach Hause?“

Schade allerdings, wenn das Leben wirklich nur ein Traum wäre. Denn dann gäbe es Dieter Nuhr nicht. Und auch nicht sein wunderbares neues Programm. Gut zu wissen: Nuhr kommt am 28. September 2014 wieder in den Circus Krone.

Teresa Pancritius

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