Ladeklappe runter und Oper spielen

- Eine Saison dauert es zwar noch, bis er als Nachfolger von Christoph Poppen an die Spitze des Münchener Kammerorchesters rückt. Doch in dieser Woche steht Alexander Liebreich gleich zweimal am Pult seines künftigen Ensembles - heute beim Festakt für Karl Amadeus Hartmann (19 Uhr) und am kommenden Sonntag, 11 und 16 Uhr, bei den Kinderkonzerten mit Rufus Beck (beides Prinzregententheater). Liebreich, der 1968 in Regensburg geboren wurde, hat in seiner Heimatstadt und in München studiert. Nach dem Gewinn des Kondraschin-Wettbewerbs ging er nach Holland. Schon bald dirigierte er bei renommierten Orchestern symphonische Schwergewichte, die Münchner Philharmoniker luden ihn zum jüngsten Open Air auf dem Odeonsplatz ein.

Chefposten beim Münchener Kammerorchester: Stand das auf Ihrem Karriereplan?

Alexander Liebreich: Die klassische Karriere nach dem Motto "Wie baue ich mir eine Biografie?" ist doch überholt. Für mich war das eine große Herausforderung. Anders als bei einem Symphonie-Orchester finde ich hier die Bandbreite des Repertoires faszinierend. Auch kann man in dieser Intimität ganz andere musikalische Dinge erreichen. Ich wollte auch nicht in diesen typischen Repertoiremühlen-Betrieb. Für mich darf es nicht nur Arbeit sein, ich muss daran glauben können. Ich hätte wahrscheinlich auch kein Problem, eine Cappuccino-Bar aufzuziehen.

Christoph Poppen steht für ein ganz bestimmtes Programmkonzept. Wie sieht Ihres aus?

Liebreich: Das Alte und das Neue radikal nebeneinander stellen, dabei wird es bleiben. Sicher werden sich andere inhaltliche Schwerpunkte ergeben. In meiner ersten Saison 2006/ 07 dreht sich alles ums Licht, wie es also Komponisten als Inspirationsquelle diente. Aber abgesehen vom normalen Abo-Betrieb hätte ich schon Träume. Zum Beispiel ein Open Air mit moderner Oper. Einfach einen Lastwagen hinstellen, die Ladeklappe runter und Tänzer und Sänger spielen lassen. Oder Mozarts "Figaro", inszeniert vom Choreographen Jirí´ Kylián. Meine Freundin ist Tänzerin, ich weiß, dass er dazu Lust hätte.

Und was trauen Sie sich nicht zu?

Liebreich: Bach habe ich bisher ausgespart. Und Schubert habe ich mich einfach noch nicht getraut, es ist ganz seltsam. Ich habe versucht, Schubert am Klavier zu spielen oder zu singen, aber es funktioniert nicht. Andere sind da viel mehr reingeboren.

Was funktioniert auf dem Münchner Musikmarkt, was nicht?

Liebreich: Wenn man eine Rezeptionsanalyse macht und erforscht, was die Leute wollen, dann geht dieser Schuss doch nach hinten los. In Amsterdam habe ich das mal erlebt. Ich halte auch Versuche, die Konzertsituation durch visuelle Effekte zu beleben, für falsch. Mehr als zwei, drei Sinne können nicht gleichzeitig gefordert werden, um ein intensives Erlebnis zu garantieren. Vielleicht haben deshalb auch Hörbücher so großen Erfolg. Entscheidend bleibt immer, ob die Künstler mit 100-prozentiger Hingabe hinter dem Werk stehen. Und gerade das ist ja beim Kammerorchester der Fall.

Aber manche Ihrer Kollegen glauben, dass es die klassische Konzertsituation in 20 Jahren nicht mehr geben wird. Sind Sie auch so pessimistisch?

Liebreich: Ich glaube schon, dass es irgendwann einen dramatischen gesellschaftlichen Umbruch geben wird, verbunden mit der Auflösung von politischen und sozialen Verhältnissen. In solchen Situationen wird die Kunst immer notwendiger. Nehmen wir mal den Fall der Mauer. Auf einmal wurden junge deutsche Schauspieler oder tolle junge deutsche Maler entdeckt. Manchmal wünsche ich mir sogar eine Rezession. Das Wachstum ist doch der größte Trugschluss unserer Zeit. Wie kann man so etwas als Wert an sich idealisieren? Durch Umbrüche können große kreative Momente entstehen, wenn eine übersättigte Gesellschaft Moral und Kunst thematisiert.

Wo fühlen Sie sich eigentlich zu Hause?

Liebreich: Ich fühle mich natürlich kulturell sehr mit Deutschland verbunden, auch wenn ich viel im Ausland aktiv bin. Ich finde nur diese deutsche dialektische Krux so seltsam: Im größten Wohlstand entsteht auf einmal diese depressive Stimmung. Die Holländer sind da viel entspannter. Und Südländer sowieso. Da ist München mit seiner Italien-Nähe vielleicht ideal, es ist nicht mehr so typisch deutsch.

Spiegeln sich solche Charakterzüge in der Musik wider?

Liebreich: Klar. Oft wird in der neuen deutschen Musik Emotionalität vermieden. Immer wird da gleich Kitsch gewittert. Dabei kommt man doch mit rein strukturellen Geschichten nicht weiter, das Verhalten des Publikums bestätigt das. Musik ist Klang, also muss die Klangwelt eines Komponisten den Zuhörer gleich auf der ersten Ebene erreichen. Beim mehrmaligen Hören können sich dann durchaus neue Dimensionen eröffnen. Aber erst drei Bücher lesen, dann hören, so funktioniert Musik nicht.

Das Gespräch führte Markus Thiel

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