Lächeln mit Papagena

- Wenn schon die Klänge zur Festspielzeit über ganz Salzburg schwappen, dann doch auch über die bildende Kunst - so die Strategie des dortigen Kunstvereins, der in einem hübschen historistischen Gebäude an der Salzach neben Ateliers und einem netten Café auch eine Halle für Wechselausstellungen beherbergt. "Sound Systems" will einen kleinen Querschnitt davon zeigen, wie junge Kunst Klang, Musik, Geräusch in Bild, Installation oder Video integriert (Kuratoren: Hildegund Amanshauser, Edek Bartz). Zwölf Künstler von Lettland bis Kanada sind vertreten - und belästigen unglücklicherweise lärmmäßig sich selbst beziehungsweise die Ohren der Besucher in diesem einzigen (!) Raum.

<P>Mozart und die Grillen</P><P>Bach konkurriert mit dem Lautpegel aus der britischen Jugendszene, Mozart mit stetem Grillenzirpen. Diese seltsamen Kombinationen bedeuten zugleich, dass Liebhaber der Klassik nicht von vornherein durch diese Schau abgeschreckt werden. Sie finden neben den erwähnten "Sound"-Göttern noch Beethoven und Schostakowitsch, ja sogar einen Not-Wagner. Rodney Graham hat eine lustige Geschichte aufgegriffen, kompliziert umgeformt und damit das eigentlich nur virtuell existierende Stück "Parsifal (1882 ca. 17 Uhr bis 38 969 364 735 ca. 19.30)" geschaffen. </P><P>Diese Komposition, die also erst in knapp 39 Milliarden Jahren zu ihrem Ende kommt, besteht aus ein paar raffiniert variierten Takten von Humperdinck. Sie wurden für notwendige Umbau-Zeit beim ersten Bayreuther "Parsifal", eben 1882, benötigt. Der große Richard weigerte sich zu helfen: Humperdincks Not-Noten erheben sich nun jedoch fast in die Ewigkeit - angespielt von einem Ensemble des Mozarteum Orchesters am 20. 9. um 21 Uhr und 12. 10. um 12 Uhr.<BR><BR>Konkreter und insbesondere für Betrachter nachvollziehbar sind die Videos. Der Magie Mozarts huldigt "Papa Gena" von Laila Pakalnina. Sie fängt schwarzweiße Wintertrostlosigkeit in Riga ein, hält mürrische Menschen auf. Wir sehen sie im Schnee stehen, Kopfhörer auf den Ohren - plötzliches Lächeln, Kichern, Lachen: Sie hören gerade Papageno und Papagena Zukunftspläne schmieden. "Zauberflöte" auch bei dem Team Ilmars Blumbergs/Viesturs Kairiss. Inspiriert von Mozarts Anonymengrab dokumentieren sie die Armenbegräbnisse bei Riga, 452 zum Beispiel im Jahr 2000. Vertrocknetes Gras im Sommer, aus dem viele kleine weiße Pfähle ragen. Eine Kiefernschonung mit reinem Sandboden. </P><P>Hier werden die Särge beerdigt, Sandhügel erinnern nur kurz an die Toten, dann ebnet die Natur wieder alles ein. Dahinein setzt die Fantasmagorie ein Mahnmal. Denn die Künstler stellten riesige rote Männer-Statuen in den Wald und den Staatsopernchor wie extraterrestrische Trauernde an die Gräber. In Pink und Plastik, ihren Kostümen aus der Rigaer "Zauberflöte".<BR><BR>So irritierend wie dieser ungenierte Streifzug zwischen Realität und Vorstellungskraft ist auch Artur Zmijewskis "Singing Lesson 2", obwohl er rein dokumentarisch vorgeht. Seine künstlerische Kühnheit besteht in dem Unternehmen, mit gehörlosen Jugendlichen und Musikern der Leipziger Musikhochschule eine Kantate von Bach einzuüben und aufzuführen. Neben solch berührenden, nicht verkopften "Sound Systems" lassen einen die anderen Brum-Brum-Apparaturen doch recht kalt.<BR><BR>Ganz der Stille und Bescheidenheit hat sich hingegen ein Kunst-Solitär verschrieben. Aber einer wie Mario Merz hat halt Werbung nicht mehr nötig. So lohnt sich der Abstecher vom Kunstverein der Jungen hinauf auf den Mönchsberg. Dort nämlich hat der hochgeehrte Italiener (78) auf Einladung der SalzburgFoundation einen seiner berühmten Iglus gesetzt. Neben der Baustelle des neuen Museums der Moderne (am Mönchsberg-Lift) und direkt am Aussichtsweg, der an der Hangkante entlang führt, hat Merz seine Halbkugel positioniert.<BR><BR>Mathematik und Natur</P><P>Kein geschlossener Raum, sondern ein transparenter Pavillon schmiegt sich in die Natur, trumpft nicht auf, verschwindet unaufdringlich in ihr; auch wenn sich die Stahlstangen bis zum Blätterdach der Buchen hinaufschwingen. Skulpturales und Architektonisches verbindet Mario Merz wie immer mit der Mathematik. </P><P>Wie in Glas-Gondeln steigen Neonröhren-Zahlen in die Kuppel. Sie folgen einem der ersten großen europäischen Ausflüge in die Wissenschaft, der Fibonacci-Reihe. Der italienische Gelehrte (ca. 1180-1250) entwickelte in seiner Zahlentheorie die Serie, bei der jedes Glied gleich der Summe der beiden vorangegangenen ist (1, 1, 2, 3, 5. . . ). Da staunt so mancher Wanderer nicht nur über die herrliche Aussicht, sondern er kommt auch schwer ins Grübeln. </P><P>Kunstverein: bis 12. Oktober, Di.-So. 12-19 Uhr, Hellbrunner Straße 3, Tel. 0043/ 662/84 22 94-0, Eintritt frei.<BR><BR><BR></P>

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