Lässiger Virtuose

- Roter Teppich und Klavier mitten auf dem Odeonsplatz ­ das riecht nach Event. Sofort herrscht das Prinzip Traube: Die Neuigkeit verbreitet sich, die Menschen scharen sich um die Absperrung. Lang Lang wird gleich ein paar unangekündigte Takte spielen.

"Ich bin ganz perplex", jubelt Sabine Gramlich über die unverhoffte Krönung ihrer Mittagspause. Gerade erst bestellte sie Karten für "Klassik am Odeonsplatz"; jetzt bleiben ihr noch Minuten, um klassikbegeisterte Kolleginnen spontan aus dem Landwirtschaftsministerium herbeizutrommeln.

Schwerpunkt auf Beethoven

Dann blitzen die Kameras, und der Popstar unter den Pianisten schlendert lässig im Ledermantel zum Steinway. Auch die Dame mit der Goldrandbrille schaut zu, die zunächst dachte, hier würde Essen verkauft. Lang Lang? "Das ist doch der japanische Musiker", ruft sie aufgeregt und klimpert mit ihren Fingern in die Luft. Pianist, genau, allerdings aus China. "Der aus dem Fernsehen!" Ja, aus "Wetten dass...?" zum Beispiel. "Ja genau!" Pech hat ein Knirps mit Wollmütze: Sein Lehrer fragt die Klasse, ob sie bleiben wolle. Will sie mehrheitlich nicht, der neugierige Bub muss sich dem Gruppenzwang beugen.

150 Menschen im Pulk um den Flügel erleben fast hautnah einen 24-Jährigen, in dem Künstler und Kommunikator untrennbar verschmelzen. Endloslächeln in die Kameras, ohne Murren noch eine betont grazile Geste ­ schließlich ist das hier ja ein PR-Termin für "Klassik am Odeonsplatz". Dann setzt sich das schmächtige Bürschchen ans Klavier, sein Strubbelhaar schimmert in der Spätoktobersonne, und Lang Lang greift in die Tasten.

Seine großen Augen rollen hin und her wie Flipperkugeln ­ der Meister versinkt in die für sein Spiel gerade eben benötigte Konzentration. Mal hebt er seine bebende Brust, mal legt er den Kopf in den Nacken. Aber so ganz ist er nicht in andere Sphären getragen. Zwischendurch blinzelt er ins Publikum, mustert die Fotografen. Er weiß in diesen Augenblicken, dass er auf der barocken Freilichtbühne nicht mit der Musik alleine ist. Ihm scheint die Dauerbeobachtung nichts auszumachen.

Plötzlich springt er auf und spricht zur Menge. Das bisher sei für die Presse gewesen, jetzt spiele er nur für die Menschen, und zwar Beethoven-Kostproben. Übergangslos zaubert er die Melodien aus seinem Instrument und den Umstehenden ein berührtes Lächeln ins Gesicht. Furioses Finale, batz, und zack steht der Glamourboy auf und winkt einen Abschiedsgruß.

In eine Viertelstunde mit Lang Lang passt aber noch mehr. Ein kurzes Interview nämlich: Dieser Platz sei "absolut fantastisch", sagt er auf Deutsch. Artig betont er, wie sehr er sich auf die Zusammenarbeit mit Mariss Jansons freue. Schließlich verrät er, jetzt zwei Jahre lang einen Schwerpunkt auf Beethoven setzen zu wollen -­ sei ja alles in allem recht viel Mozart gewesen heuer.

Bevor er in eine blaue Limousine entschwindet, klärt sich noch ein letztes Rätsel. Der Herr mit getönter Designerbrille und Lang Langs Mantel überm Arm, der selbst wie ein Künstler aussieht, ist sein Vater. Jener verdienstvolle Mann, der seinem begabten Sohn als Dreijährigem ein Klavier schenkte.

"Klassik am Odeonsplatz"

Pianist Lang Lang und Mezzosopranistin Waltraud Meier sind Stargäste bei "Klassik am Odeonsplatz 2007". Am Samstag, 30. Juni, singt Meier ausgewählte Arien, begleitet von den von Claus Peter Flor dirigierten Münchner Philharmonikern. Vor der Pause sind Auszüge aus Ravels "Daphnis et Chloé" und Chaussons "Poème de l‘amour et de la mer" zu hören.

Den Abend darauf spielt Lang Lang Beethovens Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 in C-Dur ­ gemeinsam mit Mariss Jansons und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, das außerdem die Symphonie Nr. 7 in A-Dur aufführt. Beide Konzerte beginnen um 21 Uhr; Karten unter Telefon 01805/481816.

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