Läuse knacken mit Kumpel Joseph

- "Bis heutzutage bin ich ihr hörig. Stets wusste sie mehr von mir, als ich von mir wissen wollte." Darin besteht für manche Künstler die glückliche Fügung. Das Werk weiß mehr von ihnen, spricht aufrichtiger, ist wahrhaftiger als sie selbst. In dem Zitat ist von der Olivetti-Reiseschreibmaschine, Typ "lettera", die Rede. Jenem Gerät, auf dem Günter Grass bis heute - es gibt noch zwei ebenfalls "antike" Ersatzmaschinen - seine literarischen Texte verfasst, von der "Blechtrommel" (1959) bis zur Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel".

Dieses Werk hat der Schriftsteller soeben mit einer einmaligen PR-Aktion in die Schlagzeilen lanciert. Seine in einem FAZ-Interview spektakulär herausposaunte Mitgliedschaft bei der Waffen-SS hat dem Buch einen ersten Verkaufsboom beschert.

"Doch alles, was sich als im Krieg überlebte Gefahr konserviert hat, ist zu bezweifeln."

Günter Grass

Denn diesem überraschenden Detail in seinem Leben widmet der Schriftsteller immerhin eines von elf Kapiteln seiner Autobiografie. Die Start-Auflage, 150 000, ist so gut wie vergriffen. Die Zweitauflage wird bereits gedruckt. Grass' Kalkül ist aufgegangen.

Reden, reden, nochmals reden - damit konnte er schon als Junge Geld verdienen. In der Heimatstadt Danzig, so ist in dem neuen Buch auch zu lesen, schickte ihn die Mutter zu den säumigen Kunden ihres wenig einträglichen Lebensmittelgeschäfts, um die Schulden einzutreiben. Er tat dies mit größtem Eifer und Erfolg, denn ihm waren von der Mutter fünf Prozent Provision garantiert. Und auch unmittelbar nach Kriegsende wusste der junge "Heimkehrer", beim Schwarzhandel die Ware rentabel an den Mann zu bringen. Denn Günter Grass konnte schon immer mit schönen Worten gut verkaufen. Und jetzt bietet er den eigenen Makel feil.

Aber dieses Buch ist besser als sein Autor, hat mehr Charakter als er, wenn dem "sanften Rechthaber", wie Grass sich hier bezeichnet, auch mitunter Realität und Fiktion durcheinandergeraten. Nicht ganz absichtslos, denn: "So halten sich Geschichten frisch. Weil unvollständig, müssen sie reichhaltiger erfunden werden. Nie sind sie fertig. Immer warten sie auf Gelegenheit, fortgesetzt oder gegenläufig erzählt zu werden."

Zwei Themen sind es, die vorab bereits als spektakulär eingestuft wurden. Das eine ist die Waffen-SS, davon später, das andere die Bekanntschaft des Autors mit Joseph Ratzinger. Grass will ihn, seinen gleichaltrigen "Kumpel", der heute Papst ist, im amerikanischen Kriegsgefangenenlager in Bad Aibling getroffen haben. Dass er mit ihm "einige gedehnte Tage lang gemeinsam Läuse geknackt" und "um die Zukunft" geknobelt habe, zieht sich durchs ganze Buch: "Wir buddelten uns in ein Erdloch. Bei Regen hockten wir unter einer Zeltplane, die ihm gehörte. Wir redeten über Gott und die Welt. Wie ich war er Messdiener gewesen, er ausdauernd, ich nur aushilfsweise. Er glaubte immer noch, mir war nichts heilig . . . Er sattelte ein Dogma aufs nächste. Ich rief: Joseph, du willst wohl Großinquisitor werden oder noch höher hinaus."

Wahrheit, Fantasie, Eitelkeit? Die Ratzinger-Passagen entspringen vor allem der Lust an Möglichkeitsgeschichten. Am Ende des Buchs gesteht Grass, dass seine Schwester, der er vor kurzem erst von seiner Papst-Verbindung erzählt habe, diese Story lachend mit dem Satz quittierte: "Das ist wieder mal eine von deinen typischen Lügengeschichten." Woraufhin er einräumte, dass er sie zwar nicht beschwören könne, aber sie doch durchaus wahrscheinlich sei.

Es gehört zum Wesen von Autobiografien, dass sie Objektivität nicht besitzen. Sie sind subjektiv erinnerte Vergangenheit. Woran, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich der Mensch an Gewesenes erinnert, entzieht sich Willen und Vernunft, scheint zufällig.

"Doch mehr als Mama und Papa fehlte uns, was unzulänglich in weiblichen Umrissen zu erträumen war: man hätte ersatzweise schwul werden können."

Günter Grass

Haben wir es nun mit einem so versierten Geschichtenerzähler wie Günter Grass zu tun, können wir sicher sein, dass die Lücken in der Erinnerung aufgefüllt werden mit prallen, der eigenen dichterischen Vorstellung entsprungenen Lebensdetails. Und mit dem Gefühl, von dem der Schriftsteller heute meint, dass er es damals so oder so empfunden haben müsste. Das kann Grass, ohne dass er seine "Flunkereien" verheimlichen würde, ganz vortrefflich. Darum liest sich dieses Buch so gut. Darum berührt es, auch wenn das von Grass vorab inszenierte Gedonner nur abstößt. Darum nimmt es, paradoxerweise, gerade in jenem Kriegskapitel für ihn ein, dessentwegen er in die öffentliche Schusslinie geriet. "Und dann lag der Einberufungsbefehl auf dem Esszimmertisch . . .", erinnert sich Grass, der sich "freiwillig zum Dienst mit der Waffe" gemeldet hatte.

"Gegen Ende Februar wurden wir bei Vollmond und klirrender Kälte vereidigt."

Günter Grass

Was auf dem Briefkopf stand - das Gedächtnis habe es getilgt. Erst in Dresden sei ihm klar geworden, "welcher Truppe ich anzugehören hatte": der Panzerdivision "Jörg von Frundsberg" der Waffen-SS. Das hatte, so mag der 17-Jährige damals empfunden haben, etwas Kämpferisches, etwas "Europäisches", etwas von einer "Abwehrschlacht, die, so hieß es, das Abendland vor der bolschewistischen Flut retten werde". Heute schreibt er dazu: "Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen." Doch so ein Satz - und davon gibt es viele im Buch - ist Koketterie mit der Scham über eigene, vermeintliche Schuld.

Der aufdringlichen Geste des Sich-Asche-aufs-Haupt-Streuens hätte es nach 60 Jahren Schweigen nicht mehr bedurft. Was viel mehr in dieser Autobiografie zählt, sind die Schilderungen der menschlichen Not, der Angst, des Hungers, des Rückzugschaos', der immer  weiter  westlich  von Niederschlesien in die Lausitz geratenen Frontlinie, des Zufalls des Überlebens, der Tatsachen des Krieges: das Leichenspalier von erhängten "wehrkraftzersetzenden Feiglingen"; die im russischen Feuer niedergemetzelten Kameraden, dem Grass nur entging, weil er nicht Radfahren kann; der Obergefreite, dem die Beine weggeschossen werden. Kurz vorher hatte er Grass befohlen, die SS-Uniform gegen eine Wehrmachtsjacke zu tauschen, damit ihn die Russen nicht sofort erschießen.

"Grell steht die lachlustige Blondine vor mir und trägt den Kopf voller Lockenwickler."

Günter Grass

Bilder, die er, der Autor, sehen, aber nicht fassen kann und die doch, er verweist selbst darauf, seit Grimmelshausen nach jedem Krieg immer wieder so beschrieben wurden. Von großer Eindringlichkeit. Auch bei Günter Grass, der während des Erzählens oft von der Ich-Form in die dritte Person fällt. Ausdruck von Fremdheit und Rätsel sich selbst gegenüber. Eine Distanz, die auch spürbar wird, wenn er von anderen Menschen berichtet. Zum Beispiel von dem schönen, blonden Jüngling aus dem Arbeitsdienst, der sich weigerte, ein Gewehr in die Hand zu nehmen und seine konsequente Haltung mit Folter und Abtransport bezahlte.

Als Leser wundert man sich, dass Grass sich nicht daran erinnert, wie der Junge hieß; auch dass er nach dem Krieg nie dem Verbleib des einen oder anderen nachgeforscht hat. Nicht einmal dem Schicksal der Eltern und Schwester, von denen er noch nicht wissen konnte, dass sie lebend aus Danzig herausgekommen sind. Sehr offen, nicht aber sympathisch beschreibt er sein Verhältnis zum Vater, den er wegen der so genannten kleinen Verhältnisse nicht achtet, und zur Mutter, die er eigennützig liebt.

"Beim Häuten der Zwiebel" ist eben die Autobiografie eines Egomanen, der sich immer und einzig im Besitz der Wahrheit wähnt - ob als Liebhaber, Ehemann, Vater oder Großvater, ob als Schüler, Arbeitsdienstler, Künstler oder ehemaliger Waffen-SSler. Bei diesem ersten Teil der Lebenserinnerungen - sie enden mit der "Blechtrommel" - dürfte es Günter Grass kaum belassen. Wenn er auch jetzt noch betont, dass es ihm für den zweiten Teil "an Zwiebeln und Lust" fehle.

Günter Grass: "Beim Häuten der Zwiebel". Steidl Verlag, Göttingen, 479 Seiten mit 11 Rötelvignetten; 24 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Ed Sheeran (26, „Galway Girl“) muss nach seinem Fahrradunfall etliche Auftritte absagen. „Ein Besuch bei meinem Arzt hat Brüche in meinem rechten Handgelenk und linken …
Nach Unfall: Jetzt muss Ed Sheeran etliche Konzerte absagen
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical
Deutschlands Schlagerstar Roland Kaiser selbst distanziert sich von dem Musical, das über ihn im Deutschen Theater in München aufgeführt werden soll. Es gibt Krach - und …
Gefeuerte Darsteller, Krach ums Geld: Wirbel um Roland-Kaiser-Musical

Kommentare