Die Läuterung suchen

- Wenn an diesem Montag, 24. November, in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität der Geschwister-Scholl-Preis an den britischen Historiker Mark Roseman verliehen wird, dann wird ein Mann die Laudatio halten, der in der Öffentlichkeit vor allem als ein charismatischer und erfolgreicher Theater-, Film- und Fernsehregisseur bekannt ist: Imo Moszkowicz (75).

Warum der Künstler für den Historiker spricht? Mark Roseman wird für sein Buch "In einem unbewachten Augenblick" ausgezeichnet (wir berichteten). Darin forscht er der Lebensgeschichte der deutschen Jüdin Marianne Strauß aus Essen nach, die sich 1943 im Alter von 19 Jahren im letzten Moment dem Zugriff der Gestapo durch Flucht entziehen und nur überleben konnte durch die uneigennützige Hilfe der Widerstandsgruppe "Der Bund". <P>Einer aus dem Essener Freundeskreis von Marianne Strauß war der damals halbwüchsige Imo Moszkowicz. Sein Weg war der - mit wenigen Ausnahmen - aller Juden: Abtransport ins Konzentrationslager. Wie durch ein Wunder überlebte Moszkowicz die Hölle von Auschwitz. <P>Mit welchen Gefühlen lesen und hören Sie heute im Vorfeld der Geschwister-Scholl-Preis-Verleihung von den neonazistischen Umtrieben und antisemitischen Äußerungen in diesem Land? <P>Moszkowicz: Dass ich an so prominenter Stelle die Chance erhalte, meine Meinung zu dem Geschehen zu äußern, dafür bin ich sehr dankbar. Dass sich Mark Roseman mich als Laudator gewünscht hat, ist eine Ehre für mich. Was der Preis meint, ist: Die Erinnerung an Vorgänge wach halten, an die viele nicht erinnert werden wollen. Aber die Notwendigkeit dazu ist durchaus aktuell. Der Schoß ist fruchtbar noch . . . <P>Ich meine dennoch, mich, den jüdischen Menschen, sollte das nicht belasten. Belasten sollte es die nichtjüdischen Menschen, denn wir sind in deren Obhut gegeben. Ich kann gar nichts dazu tun. Es geht mich zwar etwas an, weil es mich betrifft. Selbst wenn ich sagen würde, ich will kein Jude sein, machen die anderen mich dazu. Damit muss ich leben. Ich bin ein Jude, weil ich ein Jude bin. Auch ohne mich auf die religiösen Pfade zu begeben, mich zu diesem Judentum, das ich heute für nicht mehr zeitgemäß halte, zu bekennen. Tradition ist etwas Wunderbares. Aber Tradition ist auch etwas Schreckliches. <P>Sie haben einmal gesagt, dass Sie sich nicht mehr über die Zeit des Holocaust äußern wollten. <P>Moszkowicz: Für mich ist der Umgang mit dieser Zeit ein Problem. Ich habe nur Marianne Strauß und Mark Roseman zuliebe meinen Entschluss durchbrochen. <P>Sie haben 1997 Ihre Autobiografie veröffentlicht, "Der grauende Morgen". (Die erste Auflage ist vergriffen, in diesen Tagen erscheint die zweite). Warum so spät? <P>Moszkowicz: Ich habe so lange geschwiegen, weil ich als Künstler keinen Bonus haben und auch nicht am Geschäft mit dem Holocaust teilhaben wollte. Aber eines Tages kam ich zu dem Schluss, den Enkeln aufzuschreiben, was ich zu sagen habe. <P>In Ihrer Laudatio auf Mark Roseman werden Sie sagen: Sie würden, wenn sie noch lebte, Marianne Strauß heute fragen: Ist es nicht schrecklich, ein Jude zu sein? Warum? <P>Moszkowicz: Ich bin sehr religiös erzogen worden. Ich wollte Rabbi werden. Dann kam Auschwitz. Diese Zeit hat mein Gottesbild verändert. Ich kann nichts mehr finden, was mir dieses Hohelied des Jüdischen, das ich so geliebt habe, heute noch schmackhaft macht. Ich bin auch nicht mehr Mitglied der jüdischen Gemeinde geworden. Ich sehe die Selbsttrennung nicht ein. <P>Wie meinen Sie das? <P>Moszkowicz: Es kann doch nur durch ein Miteinander gehen, ein Nebeneinander reicht nicht. Eigentlich entlockt es mir ein Lächeln, wenn ich an den Streit um das Mahnmal in Berlin denke. Man muss doch akzeptieren, dass die heutigen Vertreter von Degussa, jenes Unternehmens, das das Zyklon B für die Gasöfen geliefert hat, damit gar nichts zu tun haben. So kommen wir nicht weiter. Wenn die Vergangenheit unsere Gegenwart und unsere Zukunft belastet, dann muss man mit dem Denken über die Vergangenheit eine Läuterung suchen. Es ist doch erstaunlich, dass wir selbst, die Handvoll der Überlebenden von Auschwitz, aus der heutigen Sicht eine ganz andere Bezüglichkeit zu dieser Zeit haben. <P>In Rosemans Buch begegnen Sie unvermutet Menschen wieder, die Sie früher einmal kannten . . . <P>Moszkowicz: Das ist natürlich ein Faszinosum. Die Schilderung zieht einen in die Zeit zurück, die man eigentlich vergessen will und vergessen hat. Plötzlich fallen einem Dinge und Gesichter ein. <P>Sich-Erinnern - das ist auch das Thema der Kunst. <P>Moszkowicz: Jede Kunst hat damit zu tun. <P>Die Religion ist Ihnen abhanden gekommen in Auschwitz. Haben Sie dadurch zur Kunst gefunden, ist sie an die Stelle des Glaubens getreten? <P>Moszkowicz: Ja. Ich suchte eine andere Welt. Ich suchte nach dem, was mir eine andere Welt sein könnte. Je mehr ich darüber nachdenke, weiß ich, dass es auch hier eine Glaubenssehnsucht gab. An die Menschen und an Gott konnte ich nicht mehr glauben. Um meine Liebe wurde ich betrogen. Ich suchte eine neue Gottheit. Das war die Kultur. Auch im Lager. Das Schreckliche, das Ordinäre, der Schmutz, das auf das nackte Überlebenmüssen Reduzierte - das alles hat meine Seele nicht berührt. Ich wusste, nur so würde ich überleben. Ich hatte mich in eine Art Warteraum begeben . . . Später dann begegnete ich meiner Frau, dann meinen Kindern - und da war das neue Leben da. Aber ich lebe bis heute mit den entsetzlichsten Verlustängsten. <P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz <P></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Der Ausblick auf den Oberammergauer Theatersommer 2018 und auf die Passionsspiele 2020 zeigt: Alte Volkshelden sind in einer Zeit, in der die Tyrannen-Flut wieder …
Theatersommer und Passionsspiele: Mit Tell gegen Tyrannen
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Manche behaupten, ein Buch sei ein einfallsloses Weihnachtsgeschenk. Stimmt nicht. Unsere Autorin hat bezaubernde, starke, mutige Bücher von 2017 gelesen, die auf eine …
Sieben Tipps: Diese Bücher können Sie zu Weihnachten verschenken
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
„Mit Rechten reden“ ist eine Streitschrift über den Umgang mit AfD-Sympathisanten. Sie nähert sich dem Thema mit Logik, Polemik und Ironie. An diesem Donnerstag ist …
Streitschrift: Wie mit AfD-Sympathisanten umgehen?
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht
Der Sänger Perfume Genius musste sein Konzert in München aus gesundheitlichen Gründen absagen. Eigentlich wäre er vergangen Mittwoch im Hansa 39 auf der Bühne gestanden. 
Sänger sagt München-Konzert kurzfristig ab  - Hunderte Fans enttäuscht

Kommentare