Im Land der Morgenstille

- Schriftsteller genießen im "Bildungsland" Südkorea nach wie vor hohes Ansehen. Die Wertschätzung für Dichtung und Philosophie hat in der Kulturtradition des Landes und in der ostasiatischen Region seit Jahrhunderten eine zentrale Bedeutung. Die Hochachtung vor dem geschriebenen Wort wird schon durch die große Zahl von etwa 50 000 Büchern belegt, die jedes Jahr im "Land der Morgenstille" neu herausgegeben werden. Mit einem Buchmarktvolumen von 2,2 Milliarden Euro nimmt Südkorea weltweit den siebten Rang ein. Hinzu kommt eine dynamische Literaturszene auf lokaler Ebene.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Tatsache, dass Korea auf der literarischen Weltkarte bis heute eine relativ untergeordnete Rolle spielt. Dabei wurden Lyriker wie Ko Un oder Romanautoren wie Yi Munyol, Hwang Sok-yong oder Jo Jong Rae seit Jahren als Kandidaten für den Literatur-Nobelpreis gehandelt. Dass der Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse ihren Bekanntheitsgrad steigert, erhoffen sich nun die koreanischen Organisatoren.

Die Wiederbelebung des moralischen Gewissens

Die koreanische Gegenwartsliteratur bietet nicht nur, wie in anderen Ländern auch, einen Spiegel der sozialen und kulturellen Verhältnisse. Sie ist auch ein Zeugnis der schwierigen historischen Bedingungen, unter denen sich die moderne Literatur in Korea entwickelt hat. Noch sind in der Literatur die Spuren der Traumata deutlich sichtbar, die Fremdherrschaft, Landesteilung, die Katastrophe des Bruderkriegs mit Nordkorea (1950-1953) und die Militärdiktaturen im 20. Jahrhundert hinterlassen haben.

Beispielhaft für die Thematisierung des Krieges stehen etwa Werke der Autorin Pak Wanso oder Autoren wie Kim Won Il, Jo Jong Rae oder Lim Chul-Woo, deren Namen bislang deutschen Lesern kaum etwas sagten. Dabei ergeben sich aus der Sicht von Literaturexperten wegen der geschichtlichen Parallele der Teilung in beiden Ländern spannende Vergleiche.

Die Literaturszene in Südkorea befindet sich heute angesichts der politischen und rasanten wirtschaftlich-sozialen Veränderungen in einer Phase der Neuorientierung. Charakteristisch ist die große Zahl politisch engagierter Autoren, die sich in den 70er- und 80er-Jahren der Demokratisierungsbewegung angeschlossen haben. Vor nicht allzu langer Zeit landeten Autoren wie Hwang Sok-yong wegen unerlaubter Kontakte zum kommunistischen Nordkorea noch im Gefängnis. Doch nach dem Erfolg der Demokratisierung vollzog sich in den 90er-Jahren eine Wende. Der Ton wurde allgemein privater. "Geschichten hielten sich, mit Ausnahmen, an den koreanischen Raum", sagt die in Seoul lebende Übersetzerin Heidrun Kang. Wichtige Themen sind Familie, Konfuzianismus, Urbanisierung, Generationsprobleme, Landflucht, Konsum. Begleitet wurde diese Entwicklung vom Aufstieg junger koreanischer Schriftstellerinnen wie O Jeong Hui, So Yong Eun oder Kim Chae Won. "Diese Autorinnen bringen Themen wie die Wiederbelebung des moralischen Gewissens und eines Wertesystems vor, die bei den gegenwärtigen Veränderungen in Vergessenheit geraten sind", sagt der Literaturwissenschaftler Kwon Youngmin.

Eine wichtige Stellung in der koreanischen Literatur nahm und nimmt die Poesie ein. Es gibt mehr als 20 000 Dichter. Vor allem jene der Nachkriegszeit wollten einen neuen "poetischen Geist" vermitteln und bedienten sich neuer Stilmittel. Neue Herausforderungen resultieren für die Autoren im Hi-Tech-versessenen Südkorea heute nicht nur aus der allgegenwärtigen Vernetzung. Vor allem die Annäherung an Nordkorea in den vergangenen Jahren rückte verstärkt die Frage der Wiedervereinigung ins Bewusstsein.

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