Ein Land im Umbruch

- Man schlägt auf, und die 188 Seiten lesen sich ganz leicht weg. Ist das nun gut oder schlecht? In dem Roman-Erstling "Liska und ihre Männer" von Alexander Ikonnikow (Jahrgang 1974) stolpert die ungelernte Protagonistin aus dem miefigen mittelrussischen kleinen Klettenberg durch einige Gelegenheitsarbeiten und beziehungsmäßig eher zufällig von einem Heizer zu einem Parteifunktionär, von einem Kartenspieler in die Ehe zunächst mit einem Trolleybusfahrer und dann mit dem Erzähler selbst, der Dichter ist.

<P>Nur eine Reihung von Episoden aus der postsowjetischen Provinz? Oder doch etwas mehr? Die Figuren, das muss gesagt sein, bleiben flach - wie Liskas Busen. Aber trotz ihrer Flächigkeit, in ihrer quasi prototypischen Existenz vermitteln Liska und ihre Männer dennoch etwas von dieser noch konturlosen Übergangsgesellschaft zwischen einem schon marktwirtschaftlich orientierten Russland mit seinen Wendehälsen und Neureichen und einer nachhängender Ideologie-Verklemmtheit. Und just daraus, aus dem Korsett des kommunistisch gezüchteten geschlechtslosen und willigen weiblichen Arbeitstiers will sich die 17-jährige Liska befreien - naiv-halb bewusst, aber instinktsicher.</P><P>Kein williges weibliches Arbeitstier</P><P>Als westlicher Leser muss man sich die Stellung der Frau vor der Perestroika vergegenwärtigen, um Ikonnikows Liska zu verstehen. Sie stopft sich den kleinen Busen mit Schulterpolstern aus, verführt zwecks ihrer Entjungferung Pascha und flieht vor der üblen Nachrede "Flittchen" in die Plattenbau-Stadt G., wo sie die Schwesternschule absolvieren möchte. Wegen einer unbeherrscht geworfenen und Verletzung verursachenden Flasche wird nichts aus dieser Berufsausbildung. Was dem Autor Gelegenheit gibt, via Liskas gesellschaftlich ganz unterschiedliche Bekannt- und Liebschaften ein Stück Russland von heute zu beschreiben: in einem jede Larmoyanz und Sentimentalität vermeidenden schmucklos-lakonischen Stil - der in sich selbst auch schon eine Aussage über dieses Land im Umbruch ist. Von Ikonnikow, nach Germanistik-Studium zunächst Lehrer und Dolmetscher, wird man noch hören.</P>Alexander Ikonnikow: "Liska und ihre Männer". Aus dem Russischen von Annelore Nitschke. Rowohlt Verlag, Hamburg. 188 S., 17,90 Euro.<BR>

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