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Urig trifft klassisch: Ein Foto aus dem Jahr 1957 zeigt eine BMW-Isetta vor Michelangelos „David“ in Florenz.

Von Tizian bis Trapattoni

Augsburg/Füssen - Die Landesausstellung „Bayern-Italien“ zeigt in Augsburg und Füssen eine über 2000 Jahre alte Liebesbeziehung. Zu sehen ist sie noch bis 10. Oktober.

Italien – schon der Name reicht, um der deutschen Seele Stoßseufzer zu entlocken: Dolce Vita, Chianti auf der Piazza, mit der Vespa zu Mama Mirácoli. Auch das hemmungsloseste Stereotyp ist noch ein bisschen romantisch besetzt. Dass die Verbindung zwischen Bayern und dem Sehnsuchtsland südlich der Alpen schon immer enger war als zum Rest Deutschlands, davon zeugt die Landesausstellung „Bayern-Italien“ in Augsburg und Füssen.

Chronologisch vorgehen oder gar erklären will die Schau nicht. Personen, Kunstwerke und sogar völlig banale Alltagsgegenstände erzählen ihre eigene Geschichte, lassen Italien in Bayern lebendig werden und geben dem Besucher die Möglichkeit zum gedanklichen Weiterspinnen. Nur den groben Rahmen wollen die Veranstalter vorgeben: „Kaiser, Kult und Casanova“ heißt das Motto, unter dem in den stuckverzierten Räumen des prächtigen Benediktinerklosters St. Mang in Füssen 150 Exponate den Zeitraum von der Antike bis ins 18. Jahrhundert beleuchten.

Informationen zur Landesausstellung:

Bis 10. Oktober; im ehemaligen Kloster St. Mang, Lechhalde 3, Füssen; im Maximilianmuseum, Fuggerplatz 1, Augsburg; im Staatlichen Textil- und Industriemuseum, Provinostraße 46, Augsburg.

Öffnungszeiten: täglich von 9 Uhr bis 17.30 Uhr. Erwachsene 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, Kinder unter sechs Jahren frei. Familienkarte: 18 Euro. Für alle drei Standorte gibt es ein Kombi-Ticket für 10 Euro bzw. 6 Euro / 20 Euro. Der Katalog zur Ausstellung kostet 18 Euro. Führungsanmeldungen und Informationen unter Tel. 08 21/ 450 57 457 oder www.bayern-italien.hdbg.de.

Waffen, Gemälde und kostbare Stoffe erwarten den Besucher. Beeindruckend das uralte römische Fluchtäfelchen aus Blei: „Verflucht und gebannt mögen sein, die mir die Treue gebrochen haben.“ Ein Beleg dafür, dass schon die frühesten Bewohner Bayerns ihre Nachbarn manchmal einfach nicht ausstehen konnten. Was aus den Verfluchten Flavus, Donatus und Florus geworden ist, ist leider nicht überliefert. Das Prunkstück in Füssen ist das zwei Meter lange Modell einer venezianischen Prunkgaleere. Jener „Bucentaur“ war es, die der bayerische Kurfürst Ferdinand Maria und seine Frau Henriette Adelaide, eine echte Turiner Prinzessin, für ihre Spazierfahrten auf dem Starnberger See in Auftrag gaben. Mehr schwimmendes Jagdschloss als Schiff ist es der ausdrucksstärkste Beweis, dass Italien im 17. Jahrhundert bereits nördlich der Alpen begann. Füssen macht Lust auf mehr – und genau hier liegt das Problem: Die Geschichte ist unterbrochen, Augsburg über 100 Kilometer entfernt. Und ein Besuch in der Fuggerstadt lohnt sich allemal: Spaghetti und Dürer, Tizian und Trapattoni, Cranach und die Capri-Fischer lassen die bayerisch-italienische Beziehung lebendig werden.

Die zwei Augsburger Standorte setzen völlig unterschiedliche Akzente. Klassisch und vor allem fast intim gibt sich das Maximilianmuseum, das unter dem Motto „Künstlich auf welsch und deutsch“ die alten Meister sprechen lässt. Kleine, dezent beleuchtete Räume führen den Besucher an Meisterwerken Albrecht Dürers, Tizians, Lukas Cranachs und Hans Holbeins des Älteren vorbei, zeigen Bilder, Modelle und Grafiken. Deutlich wird, dass italienisches Gedankengut von den hiesigen Künstlern nicht einfach übernommen, sondern mit dem eigenen Stil kombiniert wird. Holbeins „Madonna mit Kind“ von 1519 zeigt eine spätgotische Maria mit ihrem Jesuskind. Die Proportionen sind noch nicht ausgeformt. Die Bogenarchitektur im Hintergrund ist dagegen mit ihren Ornamenten und vor allem in ihrer ausgereiften tiefenperspektivischen Darstellung schon in der Renaissance angekommen. Ein völlig anderes Bild im neuen Textil- und Industriemuseum. „Sehnsucht, Strand und Dolce Vita“ will zeitgenössischen Aspekten der bayerisch-italienischen Liebensbeziehung nachspüren. Keine kleinen Räume, stattdessen ein großer Rundgang durch eine imposante Halle. Mehrere Stationen werfen dem Besucher assoziative Italien-Häppchen vor die Füße: Die „Capri-Fischer“ tönen aus dem Radio eines aufgebauten Campingplatzes der 50er-Jahre. Eine Vespa, eine BMW-Isetta, ein Elends-Quartier italienischer Gastarbeiter, Spaghetti, Rotwein und Damenschuhe – was zählt, ist das kurze Eintauchen, das Sich-Überraschen-Lassen von den verschiedensten Eindrücken. Nicht jedem Besucher dürfte das gefallen, mancher fühlt sich eher überrannt statt überrascht: Eben noch „Zwei kleine Italiener“ von Conny Froboess, im nächsten Moment schon ein Gräberfeld und ein Maschinengewehr aus dem Ersten Weltkrieg. Arrivederci amore, aus der Liebesbeziehung Bayern-Italien wird ein Gegeneinander.

Auch im Sport kommt das zur Geltung: Filmausschnitte zeigen das Jahrhundertspiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 – Italien setzte sich knapp mit 4:3 durch. Am Tischfußball kann man den deutschen Kickern eine zweite Chance geben. Am Ende wird’s dann wieder versöhnlich: Eine Meisterschale und ein Kurzporträt des ehemaligen Bayern-Trainers Giovanni Trapattoni zeigen, dass eine bayerisch-italienische Liebesbeziehung auch richtig erfolgreich sein kann. „Bayern-Italien“ kombiniert mutig alte Meister mit edlem Rotwein, Reliquienbüsten mit Bikinis, Madonnenbilder mit Masskrügen. Die Botschaft: Was nicht als Ganzes fassbar ist, das wird durch intensive Eindrücke präsentiert – auch auf die Gefahr hin, dass man beim Klischee landet. Schade, dass es durch die Entfernungen fast unmöglich ist, die ganze Ausstellung entspannt an einem Tag zu sehen.

Tobias Langenbach

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