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Urknall „Jedermann“

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Von: Simone Dattenberger

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Im Salzburg Museum können wir uns ins Publikum setzen, das vor 100 Jahren den „Jedermann“ zum ersten Mal auf dem Domplatz erlebte. © Foto: Salzburg /Luigi Caputo

Die Landesausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“ im Salzburg Museum  ist eine opulent inszenierte, vielfältige Schau für Genießer aller Art - und ein Treffen mit vielen Stars von einst und jetzt.

Ist die Legende Festspiele oder die des „Jedermann“ oder die von Mozart wirkmächtiger? Für Salzburg ist das egal, denn die Stadt hat sie alle. Jedes Jahr. Und heuer feiert man dieses längst weltweit funktionierende Phänomen – weil es schon 100 Jahre so super funktioniert. Selbst von der Covid-19-Pandemie ließ man sich nicht abschrecken und stemmte ein ausgedünntes Programm. Die Salzburger Festspiele kämpften sich mit Ach und Krach durch den Zweiten Weltkrieg, da durfte man doch jetzt nicht aufgeben. Nur kurz nach dem Beginn, im Jahr 1924, fiel das Festival aus. Das finanzielle Gewürge darum, Bühnenkunst zu realisieren, war damals viel aufreibender als heutzutage. An all die Stärken und Schwächen, die Größen und diejenigen, die im Hintergrund arbeiten, erinnert die Landesausstellung „Großes Welttheater – 100 Jahre Salzburger Festspiele“ im Salzburg Museum hinter dem Dom.

„Wir haben noch nie eine so umfangreiche Schau konzipiert“, sagt Direktor Martin Hochleitner, der zusammen mit Margarethe Lasinger das vielschichtige Projekt in die Tat umgesetzt hat: im Dialog – ihm sehr wichtig – natürlich mit den Festspielen und mit Institutionen wie dem Jüdischen Museum Wien. In dieses Gesprächskonzept wurden sogar bildende Künstler wie die Documenta-Teilnehmer John Bock und Yinka Shonibare eingebunden, außerdem Experten, etwa ein Ökonom; schließlich geht es bei den Festspielen auch um Tourismus und Firmenkontakte. Diese Gruppen kommen in eigenen, ansprechend bis exzellent inszenierten Abteilungen zu Wort.

Zunächst jedoch der Urknall: „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. Schon im Innenhof des Museums treffen Besucherinnen und Besucher auf eine verkleinerte Version der „Jedermann“-Bühne des Domplatzes. Clou ist nicht, dass sie das Bühnenbild der aktuellen Inszenierung zitiert, sondern dass sie so gezimmert wurde wie vor 100 Jahren. Im Salzburg Museum dann als Fototapete die Version, die Max Reinhardt für die Festspielstadt in spe gestaltete. Später ist sein Textbuch zu sehen, in dem er farblich unterschieden seine Angaben für Berlin (Uraufführung 1911), Salzburg und New York eingetragen hat. Für Fans: Das Werk ist als Faksimile im Hollitzer Verlag erhältlich. Vor Jedermann Alexander Moissi und seiner Feiergesellschaft sitzen wir, so wie es vor 100 Jahren war, auf Gartencafé-Klappstühlen und lassen uns durch Dokumentarfilme einstimmen.

Von dieser Ur-Bühne geht es – logisch – zur Station „Auf der Bühne“, optisch aufgemotzt durch einen Nachbau der Felsenreitschule. Zu ihren markanten Arkaden locken uns Kostüme und Ausstattungstiere. Viel verlockender, ja geradezu ansaugend ist der riesige Foto-Fries mit 631 Aufnahmen von Moissi über Richard Tauber, Oskar Werner, Martha Mödl, Peter Simonischek bis zu Anna Netrebko: Stars, Stücke und Inszenierungen – berühmt, vergessen, unvergessen. Aufführungen sind ebenfalls auf größerer Leinwand zu genießen. „Wir wollen natürlich auch ein tatsächliches Bühnenerlebnis bieten“, erklärt Hochleitner dazu. Ein umfangreiches Programm war für Alt und Jung geplant. Es entfällt nur heuer, wird aber im kommenden Jahr nachgeholt. Und man verlängert die Landesausstellung bis zum 31. Oktober 2021.

Am berührendsten in der Präsentation ist das Kapitel über die deutschen und österreichischen Künstler mit jüdischen Wurzeln. Sie erst, ob Regisseur Max Reinhardt (1873-1943) oder Dichter Hofmannsthal (1874-1929), hatten die Salzburger Festspiele möglich gemacht. Nach einem weltvernichtenden Krieg wollten sie der Welt durch die Kunst Hoffnung geben. Für die Nationalsozialisten ein Unding. Ihren Terror entdeckt man in der raffinierten Museumsarchitektur erst (Michael Veits und Ferdinand Wörgerbauer von den Festspielen), wenn man Reinhardts Idyll von Schloss Leopoldskron betreten hat. Und wenn man die Ausstattung seiner Grabstätte in den USA genau betrachtet. Ein farbiges Jugendstilfenster zeigt genau den Salzburger Sehnsuchtsort – Heimweh als Grabschmuck.

Neben knackig aufbereiteten Fakten in einem Spiegelkabinett, den Geburtswehen der Festspiele in einem Labyrinth und neben der Tracht als frisch designtes Festspiel-Accessoire ist das Archiv das Wichtigste. Klingt staubig, ist indes ein informationssatt, sinnlich und amüsant aufbereitetes Geschichtspanorama von 1920 bis heute: der Skandale und Nöte, der Verzagtheiten und mutigen Innovationen; immer auf politischem Hintergrund. Ein Panorama der Künstlerpersönlichkeiten von Reinhardt bis Christian Stückl, von Herbert von Karajan bis Nikolaus Harnoncourt, von Festspielhauserbauern und -fantasten, von Ausstattern, Orchestern und Solisten.

Bis 31. Oktober 2021,

täglich 9-17 Uhr (bis 30.9.2020); Salzburg, Neue Residenz, Mozart-Platz 1; Katalog, Residenz Verlag: 25 Euro.

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