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"Ich höre aus der Musik ein Happy End heraus": Stefan Tilch inszeniert an seinem Theaterverbund Richard Wagners Liebesdrama mit Annette Seiltgen (Isolde) und Hans-Georg Wimmer (Tristan). 

Bühnenporträt

Intendant des Landestheaters Niederbayern: „Wir umarmen alle“

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Landshut - Das Landestheater Niederbayern riskiert „Tristan und Isolde“ – nicht das erste Großstück für das kleine Ensemble.

Eigentlich habe man es ja auf Wagners „Ring“ abgesehen. „Doch der hat sich für den Moment als zu üppig dargestellt.“ Kleiner Scherz des Intendanten? Vielleicht auch nicht, wenn man sich allein diese Spielzeit von Stefan Tilch vor Augen und Ohren führt: Bellinis „La straniera“ zum Beispiel, demnächst Verdis „Aida“ – warum also nicht, wie bei der Premiere an diesem Freitag, Wagners „Tristan und Isolde“? Stücke sind das, die man an mittleren bis großen Häusern erwartet, weniger in Landshut, Passau und Straubing, dort also, wo das Landestheater Niederbayern für die kulturelle Grundversorgung zuständig ist.

Stefan Tilch

Tilch, seit 2002 Intendant des Drei-Städte-Hauses und zuvor Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper, hatte noch nie Probleme mit solchen Filetstücken. Zumal ihm Überlegungen à la „niederbayerischer David zeigt Münchner Goliath, was eine Opernharke ist“ fremd sind: „Unser Gedanke ist einfach, dass wir alles hausgemacht anbieten für ein riesiges Einzugsgebiet. Das ist keine Kampfansage, sondern der Wunsch, alles und alle zu umarmen.“ Und das eben auch mit einer der größten Liebesgeschichten der Opernhistorie. Premiere von „Tristan und Isolde“ ist im Landshuter Theaterzelt, Tilch führt Regie, Generalmusikdirektor Basil H. E. Coleman steht am Pult.

Landestheater bespielt auch die Passauer Dreiländerhalle

Eine Ersatzspielstätte also, weil das schmucke Stadttheater an der Isar derzeit renoviert wird. Wie lange das noch dauert, weiß keiner genau zu sagen. Einen Vorteil hat das Exil mit seinen 460 Plätzen (gegenüber 300 eng bestuhlten im Theater): „Wir können uns an einem Repertoire versuchen, das wir sonst nie machen“, meint Tilch. Doch nicht nur in Niederbayerns Hauptstadt war er zum Umdenken gezwungen. Auch das Fürstbischöfliche Opernhaus in Passau musste für eineinhalb Jahre nach dem Isar-Hochwasser im Doppelsinne dichtmachen. Die Sanierung ist nun zwar abgeschlossen, trotzdem bespielt das Landestheater Niederbayern weiterhin die Dreiländerhalle mit ausgewählten Stücken – einfach, weil ein solcher Brocken wie „Tristan“ dort genug Platz hat.

Das Landestheater Niederbayern ist bei seinem Drei-Städte-Tingeln in einer bundesweit fast einmaligen Situation. Der Zweckverband verkauft jede Vorstellung an die Städte zu einem Festpreis, der Erlös der jeweiligen Abende ist damit eine kommunale Einnahme. „Ein fast altertümlich anmutender Schutzgedanke für die Kunst“ stecke dahinter, sagt Intendant Tilch. „Man hält sie frei von kommerziellen Erwägungen, wobei da an den Orten natürlich der betreffende Kämmerer auf die Quote achtet.“

Wer die Spielpläne der Niederbayern studiert, dem fällt auf: Von einer bloßen Hitparade à la „Carmen“ bis „Zauberflöte“ kann hier nicht die Rede sein. Stefan Tilch mutet seinen Besuchern einiges zu – und hat damit, anfangs unerwartet wie beim Bellini-Zyklus, Erfolg. Eine Barockserie gab es auch schon, in der kommenden Saison plant man neben dem „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß unter anderem Rameaus „Platée“ und Catalanis „La Wally“.

Stefan Tilch ist nicht nur an seinen Häusern als Regisseur aktiv

Ob man all diese Stücke hier, abseits der großen Musikzentren, auch anders erzählen muss? Er stelle sich diese Frage nicht, meint Stefan Tilch, der nicht nur an seinen Häusern immer wieder als Regisseur aktiv ist. „Wie ist meine Haltung zu dem Stück? Das ist die entscheidende Frage. Ich habe allerdings grundsätzlich einen Hang zum Erzählen, weniger zum Verrätseln.“ Im konkreten „Tristan“-Fall bedeutet dies, dass zum Beispiel der erste Akt griffiger sein könnte als andernorts. Wagner hat schließlich hier das ungewöhnliche Konzept verfolgt, 80 Prozent der Handlung schon vor Beginn der Oper passieren zu lassen. In Landshut und später in Passau und Straubing wird also der erste Aufzug in einer Art Museumsraum spielen, in dem Requisiten der Vorgeschichte – Tristans Kahn, sein Schwert oder das des Nebenbuhlers Morold – ausgestellt sind. Vielleicht auch mal eine Lösung für Bayreuth, wie Tilch empfiehlt: „Seien wir ehrlich: Wenn ich dort die Leute in der Pause fragen würde, was zwischen dem Paar tatsächlich passiert, dürfte ich in viele leere Gesichter schauen.“

Der Intendant hat übrigens ein einschneidendes „Tristan“-Erlebnis hinter sich. An der Bayerischen Staatsoper war er 1998 Assistent von Peter Konwitschny, als der dort seine heute legendäre Deutung herausbrachte. Hemmungen jetzt bei der eigenen Inszenierung gebe es dadurch weniger, meint Stefan Tilch. Zumal er sich beim positiven Ende mit Konwitschny einig sei. „Ich höre bei ,Isoldes Liebestod‘ nach einem fünfstündigen Vermeiden eine Auflösung heraus, das Finden eines tonalen Zentrums. Etwas, das größer ist als wir alle, wird freigesetzt. Ich höre ein Happy End.“

Informationen zu den Terminen und zum Kartenverkauf unter

www.landestheater-niederbayern.de.

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