Mit drei Augen

München - Ein Münchner kehrt heim: „Hermann Landshoff – eine Retrospektive. Photographien 1930 bis 1970“ im Stadtmuseum.

War es das Erlebnis mit Karl Valentins Filmsketch „Im Photoatelier“, dass sich Hermann Landshoff – noch blutiger, autodidaktischer (!) Fotografier-Anfänger – schwor, nie im Salon Aufnahmen zusammenzustopseln? Wir wissen es nicht. Sicher ist jedoch, dass Landshoff (1905 bis 1986) Valentin verehrte. Insbesondere dessen melancholische Weltsicht des Chaos, wie Andreas Landshoff von der Amsterdamer Linie der Familie jetzt erzählt. Er ist nach München gekommen, um das erste wunderbare Ergebnis „einer Heimkehr“ zu besichtigen: die Ausstellung „Hermann Landshoff – eine Retrospektive. Photographien 1930 bis 1970“ in der Fotosammlung des Stadtmuseums.

„Heimkehr“ deshalb, weil Hermann Landshoff gebürtiger Münchner war und seine Eltern – sie die Opernsängerin Philippine Wiesengrund, er der Musikwissenschaftler Ludwig Landshoff – fest in der hiesigen Bohème zwischen der Reventlow und dem Morgenstern verankert waren. All das ab 1933 zermalmt von den Nazis, die weder diese Gesinnung, noch die jüdische Herkunft duldeten. In diesem Jahr floh Hermann Landshoff nach Paris, hatte aber zuvor schon als Fotograf reüssiert: mit einer Reportage über Albert Einstein bei der Freizeit in der Nähe von Potsdam. Die Schau zeigt die Illustrierte und die Gehversuche des jungen Münchners als Buchgestalter und Karikaturist.

Bei beidem zeichnete sich Landshoff als Grafik-Designer aus – mit einer deutlich bewussten Setzung von Fläche, Weglassung, Zeichen und Irritation. Genau diese Mischung ist die Basis dafür, dass er ein so guter und einfallsreicher Fotograf wurde. Kein Wunder, dass er sich in den 50ern einmal als Dreiäugiger folgendermaßen porträtierte: Das Objektiv der Linhof starrt den Betrachter an, die menschlichen Augen jedoch schauen nachdenklich nach oben. Landshoff unternahm immer wieder solche Selbstbefragungen (siehe Foto), Selbstvergewisserungen, Selbstkritiken vielleicht auch. Deswegen liegt es in der Logik seines Œuvres, dass er viele seiner Kollegen porträtiert hat. Ein Wunder, wenn man bedenkt, wie ungern sich Fotografen ablichten lassen.

Dieses Nachdenken über die eigene Kunst „musste“ ja zurückführen nach München. Ulrich Pohlmann, Chef der Sammlung Photographie (eine der besten weltweit), strahlt denn auch, weil er den Nachlass von Hermann Landshoff bekommen hat: 3600 Originalabzüge. Verleger Andreas Landshoff dazu: „Hier ist der einzige Platz in der Welt, wo die Sammlung hingehört.“ Damit hat München einerseits einen der innovativsten Fotografen – vor allem in Sachen Mode – auf der Habenseite und andererseits eine „Entdeckung“. Denn Landshoff zählt laut Pohlmann „zu den letzten großen Unbekannten der Photographie“.

So wie sich der Foto-Frischling in München erstaunlich schnell durchgesetzt hatte, glückte es ihm ebenfalls in Paris bei der „Vogue“ und „femina“ und nach seiner gefahrvollen Flucht aus Europa dann in New York etwa bei „Harper’s Bazaar“. Landshoff hatte einfach einen frischen Zugriff auf Klamotten und Mannequins. So wird eine zarte Hutkreation nicht in Anbetungshaltung lichtbildnerisch zelebriert, sondern taucht, eins-zwei-drei, aus dem schrägen Speicherfenster auf. Brautpaare schweben nicht in unantastbarer Schönheit aus der Kirche, der herausgeputzte Bräutigam macht vielmehr einen Luftsprung, der jedem Ballerino zur Ehre gereichen würde. Und die Frauen: Sie sind sportlich auf dem Radl, unter Wasser oder mit Rollschuhen, knutschen mit Hunden oder messen sich modisch an Elefantendamen. G’schmerztes G’schau, wie bis heute bei Mannequins üblich, wich dem Humor. Wahrscheinlich weil Landshoff doch in erster Linie den Menschen (wie bei den Künstler- oder Kinderbildnissen) sah – mit seinen drei Augen.

Simone Dattenberger

Bis 21. April 2014,

St..-Jakobs-Platz 1; Di.-So. 10-18 Uhr; Katalog, Schirmer/Mosel: 48 Euro.

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