Der lange Abend des Chefs

- Was kursierten im Vorfeld nicht für Gerüchte: ungeplante Gags der Solisten ("Ehrt Euren deutschen Meister" zum Beispiel), dazu Gattin Gudrun nebst Töchterchen Katharina im finalen Festwiesen-Gewusel. Doch nichts dergleichen. Keinen offiziell überreichten Blumenstrauß, Bussis der Sängerinnen allenfalls hinter dem Vorhang, nicht mal die gewohnten Buhs, mit denen seine volkstümelnden Heissassa-"Meistersinger" regelmäßig bedacht wurden.

<BR>Dafür gab's gut 20-minütige Standing Ovations, Trampeln und rhythmisches Klatschen für Wolfgang Wagner, der immer wieder allein und gerührt vor dem Vorhang erschien, mit linkisch-bescheidenen Bewegungen das Ensemble herbeizuwinken versuchte, oft vergebens: Denn dies war der (lange) Abend des Prinzipals - und zugleich Abschluss der 91. Bayreuther Festspiele.<BR><BR>Zum letzten Mal wurde also auf dem Grünen Hügel eine Inszenierung des Festspielleiters gezeigt, der heute 83. Geburtstag feiert und zwar seine Regie-Tätigkeit beendet, Bayreuths Thron indes noch längst nicht räumen will. Diese Dernière der 1996 neu herausgebrachten "Meistersinger" beschließt eine beeindruckende Bilanz: Hinter Wolfgang Wagner liegt fast ein halbes Jahrhundert Inszenierungsarbeit im Dienste des Großpapas mit exakt 461 Bayreuther Aufführungen in seiner Verantwortung als Chef.<BR><BR>Sein Regie-Debüt fiel auf den 7. Juni 1944, als er "Bruder Lustig", ein Werk seines Vaters Siegfried Wagner, auf die Bühne der Berliner Staatsoper brachte. Die erste Bayreuther Produktion war 1953 "Lohengrin", alle Hauptwerke Richard Wagners folgten dort, darunter zweimal der "Ring". Wolfgang Wagner wirkte anfangs im künstlerischen Schatten von Bruder Wieland, später bildeten seine Inszenierungen den Gegenpol zu Hochambitioniertem à la Patrice Chéreau, Götz Friedrich oder Heiner Müller - vielleicht auch, um orthodoxen Wagnerianern weitere Adrenalinschübe zu ersparen. Über ein achtbares Mittelmaß kamen Wolfgang Wagners kreuzbrave, lähmende Deutungen meist in eigenen, geschmacklich fragwürdigen Bühnenbildern nicht hinaus. Perfekter Verwaltungs- und Finanzexperte, aber dürftiger Regisseur, so wurde Bayreuths Gralshüter gern eingeordnet.<BR><BR>Das unterstreichen auch seine "Meistersinger", die noch das Pech hatten, mit einer B-Besetzung auskommen zu müssen, aus der nur Andreas Schmidt (Beckmesser), Robert Holl (Sachs) und Attila Jun (Nachtwächter) herausragten, Letzterer hätte dringendst den schwachen Guido Jentjens als Pogner ersetzen sollen. Emily Magee (Eva), Robert Dean Smith (Stolzing) und Clemens Bieber (David) blieben akzeptabel, für Festspiele eigentlich zu wenig - wären da nicht der famose Chor und dieser Wundermann im Graben gewesen: Nach zackigem Beginn gab Christian Thielemann den Klangmagier, demonstrierte auf phänomenale Weise, wie viel Modernes, Tristan-haftes in der Partitur steckt - und geriet so in ungewollte Opposition zum Regisseur, der nur Lortzing entdecken mochte.<BR><BR>Eines immerhin erlaubte der Chef: eine interne Feier hinter dem eisernen Vorhang, die dank des überlangen Beifalls erst gegen 23.30 Uhr starten konnte. Weitere Sperenzchen, so war aus dem Festspielhaus zu hören, hatte sich Wolfgang Wagner verbeten, schließlich handele es sich nicht um die Abdankung. Und wer süchtig nach seinen Interpretationen bleibt, sei beruhigt: Die Dresdner Semperoper hält weiterhin den "Holländer" im Repertoire - falls der flutbedingt nicht baden gegangen ist.<BR><BR><BR clear=all> 

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