Die langen Schatten der Vergangenheit

- Diese Preisverleihung am Montagabend in der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität war eine der würdigsten, schönsten, gelungensten in der 24-jährigen Geschichte des Geschwister-Scholl-Preises. Die vom Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergebene Ehrung ist zweifellos der Preis, der der Landeshauptstadt international zu größtem Renommee verhilft. Dass in diesem Jahr das Thema des Scholl-Preises von besonders beklemmender Aktualität ist, darauf verwies bei der Feierlichkeit jeder Redner - Uni-Rektor Bernd Huber sowie OB Christian Ude und Börsenvereins-Vorsitzende Rosemarie von der Knesebeck.

<P>"Wir, die Opfer, dürfen<BR>niemals aufhören, das<BR>Hohelied derjenigen zu<BR>singen, die in unserem<BR>Lande die Kühnheit hatten,<BR>ihre Mitmenschlichkeit zu<BR>bewahren."<BR>Imo Moszkowicz</P><P>Aber dem Abend die gebührende Größe verlieh erst der Theater- und Fernsehregisseur Imo Moszkowicz mit seiner Laudatio auf den Preisträger Mark Roseman. In dem prämierten Buch des britischen Historikers "In einem unbewachten Augenblick. Eine Frau überlebt im Untergrund" (Aufbau-Verlag) wird das Leben der Essener Jüdin Marianne Strauß nachgezeichnet, die den nationalsozialistischen Terror nur überleben konnte durch die uneigennützige Hilfe einzelner Bürger.</P><P>Moszkowicz' Rede war das eigentliche Ereignis an diesem Abend. Als stünden hier Shylock und Nathan zugleich auf dem Podium. Seine Worte trafen ins Herz. Seine Haltung, geprägt von Trauer und Versöhnung, Anklage und Verständnis, Gerechtigkeit und Liebe, faszinierte wohl jeden im Saal.</P><P>Der Hölle seiner Auschwitz-Erinnerung bis heute nicht entkommen, beschämte der Laudator die Zuhörer durch seine Demut, wenn er an Mark Roseman gewandt sagte: "Ihre Schilderung dieser Zeit zwingt meinem Langzeitgedächtnis Erinnerungen auf, die mich ruhelos halten. Ruhelos insbesondere deswegen, weil mich ein schlechtes Gewissen plagt, ob ich mich bei denen, die uns in jenen Jahren beistanden, zumindest uns zu helfen versuchten, ausreichend bedankt habe."</P><P>Und damit sprach Moszkowicz noch einen anderen, bislang vernachlässigten Aspekt an: "Über die unmenschliche Belastung, dass die Verfolgten bei einem Misslingen ihrer Rettung auch den Tod der Erretter und deren in Sippenhaft genommenen Familien in Kauf nehmen mussten, ist erstaunlich wenig berichtet worden. In Ihrem Buch aber glaube ich die Bedeutung dessen zwischen den Zeilen zu lesen. Oder habe ich sie mir nur hineingewünscht?"</P><P>Da blieb dem jungen Preisträger nicht viel mehr, als sich bescheiden zu bedanken - bei der 1993 verstorbenen Marianne Strauß, bei ihrem Sohn, der eigens zur Preisverleihung nach München gekommen war, bei Imo Moszkowicz und bei jenen, die ihm diesen Preis zuerkannt haben. Roseman: "Deutschland ist wirklich das Land, das sich am längsten und intensivsten mit seiner Geschichte beschäftigt hat. Aber Deutschland hatte auch gar keine andere Wahl. Die Schatten waren so lang."<BR></P>

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