Lasst uns übers Haus der Kunst reden

München - Das Haus der Kunst stand in der letzten Zeit weniger wegen seiner Ausstellungen im Fokus. Viel mehr wahrgenommen wurden diverse Probleme. Diese sollen im Folgenden nicht noch einmal breitgetreten werden.

Ausstellungen, die kaum Besucher locken. Ein Direktor, der keinen Bezug zu Stadt, Land und Leuten hat. Ein Sponsor (Schörghuber), der samt seinen 500 000 Euro abspringt. Ein zerstrittener Freundeskreis, der doch rund fünf Millionen Euro in den vergangenen zehn Jahren an Unterstützung aufbot und den nun aber viele potente Mitglieder verlassen (unter anderem BMW, Allianz). Ins Abseits gedrängte Künstlergruppen, die vor der Pleite stehen. Ja, es ist leicht, die Schwierigkeiten zu benennen, die sich in den vergangenen Monaten im Haus der Kunst aufgetürmt haben (wir berichteten). Schwerer ist es, eine schöne, vitale und realisierbare Utopie für das Riesending an der Prinzregentenstraße zu entwickeln. Das aber ist das A und O, damit der Veranstaltungsort nicht weiter vor sich hin dümpelt.

Immer wieder in der Geschichte des Gebäudes gab es Hochs und Tiefs, bis hin zu dem Aufruf, den Hitler-Wunsch-Bau abzureißen. Hoch- und Tiefpunkt gleichzeitig waren am Beginn Sinn und Zweck des „Hauses der Deutschen Kunst“: Adolf Hitlers Kunstvorlieben zu propagieren, alle anderen Richtungen auszugrenzen und schließlich als „entartet“ zu vernichten. Nach dem Zweiten Weltkrieg emanzipierte sich die Ausstellungshalle unter der Führung von Künstlergesellschaften (eingesetzt durch die US-Amerikaner) von dieser Kunst-Katastrophe. Die Avantgarde wurde nach München geholt. Es gab imposante Ausstellungen von Pablo Picasso bis Alexander Calder, außerdem Expositionen über den Pharao Tutanchamun bis hin zu einer großen Carl-Spitzweg-Schau.

Diese guten Zeiten gingen allmählich zu Ende, als die Finanzierung nicht mehr stimmte und das Gebäude den Anforderungen moderner Präsentationstechnik immer weniger entsprach. Das ist übrigens bis heute so. Deswegen muss der Bau dringend generalsaniert werden (58 Millionen Euro sind veranschlagt, Baubeginn steht noch nicht fest). Ein neuer, kleinerer Aufschwung gelang der Kultur-Institution, nachdem der Staat in den 90ern eingestiegen war, die Schörghuber-Stiftung half und viele andere. Seit Chris Dercon, dem Vorgänger des jetzigen künstlerischen Leiters Okwui Enwezor, hat man sich vor allem auf aktuelle Kunst beschränkt. Gelegentlich kamen Mode, Musik oder Architektur dazu. Auf Kassenknüller und Publikumslieblinge legten die Chefs nicht einmal ab und zu Wert. Visionäres – wäre ja ein fabelhafter „Ersatz“ – konnten sie kaum an Land ziehen, genauso wie echte Neuheiten; was auch nicht leicht und oft ein Glücksfall ist. So ein Massel hatte Dercon nur mit der Ai-Weiwei-Schau Ende 2009.

Mit diesen Fakten bewegen wir uns im Übrigen lediglich im Ostflügel des Gebäudes. Im westlichen Teil war nämlich bis zur Eröffnung der Pinakothek der Moderne 2002 die Staatliche Sammlung Moderner Kunst untergebracht. Später nutzte das Staatsschauspiel in der Ära Dorn die Säle als Theaterraum, weil damals das Cuvilliéstheater renoviert wurde. Seit diesen Zeiten steht der Trakt mehr oder weniger leer. Das darf nicht so bleiben.

Es gehört folglich vor einer Generalsanierung ein Generalplan her. Und der funktioniert nur, wenn man weiß, wer im neuen Haus der Kunst aktiv werden soll oder möchte – und was diejenigen tun, wünschen, brauchen. Von einer Machbarkeitsstudie vernahm man vage. Das Haus der Kunst teilte dazu auf Anfrage unserer Zeitung nicht besonders konkret mit: „Ein zukünftiger Nutzungsplan baut auf den bereits bestehenden Funktionen der Institution auf und wird sich am Leitbild der Institution orientieren: Das Haus der Kunst ist ein öffentliches Museum ohne eigene Sammlung und ein weltweit führendes Zentrum für zeitgenössische Kunst. Es ist der Untersuchung der Geschichte und der Geschichten der zeitgenössischen Kunst verpflichtet; im Mittelpunkt der Arbeit des Hauses der Kunst stehen Ausstellungen, Recherche und Wissensvermittlung.“ Ausführliches Selbstlob folgt. Sowie der Hinweis, Direktor Enwezor habe die „Leitung zur Erarbeitung eines Nutzungskonzeptes nach der Sanierung“ inne. Das Kunstministerium hat ebenfalls nichts Griffiges zu sagen: „Die Machbarkeitsstudie wird demnächst in Auftrag gegeben, wenn die Fragen im Vorfeld (z. B. nach der Eignung möglicher Auftragnehmer) geklärt sind. Die Gesellschafter und die Leitung des Hauses holen sich mit dieser Studie fachwissenschaftlichen Rat, um Anforderungen und Möglichkeiten auszuloten.“ Die Gesellschafter der Stiftung Haus der Kunst sind seit 1992 der Freistaat Bayern und die Josef-Schörghuber-Stiftung (entfällt jetzt) als Hauptteilnehmer sowie die Freunde Haus der Kunst und die Ausstellungsleitung Große Kunstausstellung im Haus der Kunst, jetzt Künstlerverbund.

Offenbar gibt es darunter niemanden, der sich mit Herzblut, mit Feuer und Flamme für diese bayerische Institution am Englischen Garten einsetzt. Daher ist es allerhöchste Zeit, dass Kunstminister Ludwig Spaenle deren Zukunft zur Chefsache macht. Und sei es nur, dass er eine Persönlichkeit entdeckt, die das für ihn übernimmt: Menschen begeistern, Ideen entwickeln, Beziehungen spielen lassen, Diskurse anzetteln.

Wollte man den gesamten Bau als Ausstellungs-Tanker der Extraklasse fahren lassen, also so etwas wie ein bayerisches Centre Pompidou aufziehen, dann würde das richtig ins Geld gehen – wäre allerdings ein tolles Fanal für den Freistaat. So etwas klappt naturgemäß nur, wenn man eine Leitungsfigur vom Schlage eines Tausendsassa wie Max Hollein aufbieten kann (der in Frankfurt am Main bei der Schirn-Kunsthalle mit Städel und Liebieghaus indes Museumsbestände im Rücken hat).

Selbst wenn das Nutzungskonzept die Teilung beibehält, muss ein einfallsreicher Plan und ein un-elitärer, ausgebuffter „Impresario“ her. Denn der Westflügel sollte dann vielfältig bespielt werden. Vielleicht ist sogar Martin Moszkowicz, dem Vorstandsvorsitzenden der Münchner Constantin, damit gedient. Der sucht nach repräsentativen Räumen für Filmpremieren und Ähnliches. Ein „Intendant“ dieses Teil-Hauses-der-Kunst wird, wie die Kollegen im Gasteig oder Prinzregententheater, offen sein müssen für Theater, Musik, Kinder-, Jugend- und Erwachsenen-Werkstätten, Diskussionen, Lesungen, Tanz, Performances, Mode- und sonstige Veranstaltungen wie etwa Feste, Tango-Treffen oder Verrückt-Experimentelles. Und auch für die Künstlergruppen, die zur Tradition des Gemäuers gehören. Ein vielfältiger, menschenfreundlicher, zugänglicher, fröhlicher Ort für Jung und Alt, Kunstfreunde, Eisbachsurfer und Kaffeeklatscher sollte entstehen – also ein Kontrastprogramm zum hermetischen P1 im Untergeschoss.

Gastronomisch unterfüttert muss dieser Trakt natürlich ebenfalls sein, denn die Goldene Bar ist, da im Ostflügel, zu schlecht angebunden. Kurzum: Der Architekt, ob nun David Chipperfield, der beauftragt ist, oder jemand anderes, wird eine ausgesprochen variable Raum-Flucht mit guter Akustik in die alte Hülle zaubern müssen – die später wirklich reibungslos funktioniert. Einen weiteren Missgriff wie den eigentlich weiter verwendbaren Opern-Igel (Marstallplatz), der sang- und klanglos verschrottet wurde, will niemand mehr.

Wenn solch eine quirlige Stätte aufblüht, darf der Ausstellungsteil im anderen Flügel nicht mehr steril „bewirtschaftet“ werden. Enwezor wird wohl nicht länger als nötig bleiben, da er sich jetzt schon umorientiert (Stichwort: Biennale Venedig 2015) und ohnehin kein großes Interesse und keine Bindung an München/Bayern hat erkennen lassen.

„Prodesse et delectare“, das wussten schon die Alten, darf sich nicht ausschließen. Nützen und erfreuen, anders gesagt: Belehrung und Unterhaltung sind die beste Einheit, in der Kunst zu zahlen vermag. Nach diesem Grundsatz wird sich doch eine Chefpersönlichkeit fürs Haus der Kunst finden lassen – oder zwei von der Sorte.

Aber erst einmal muss der Minister ran und einer möglichst breite öffentliche Diskussion anstoßen: Was wünschen wir alle uns von unserem Haus der Kunst? Kluge, spritzige, unvoreingenommene Moderatoren gibt es bestimmt irgendwo – etwa in der Akademie der Schönen Künste oder an der Ludwig-Maximilians-Universität.

Simone Dattenberger

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