Latinos streiten immer

- Alvaro Solars "Gauklersonate" war 2003 der Hit von Münchens Winter-Tollwood: ein hochartistisches Varieté´ zu den rock-poppigen "Amadeus"-Arrangements von Wolfgang Staribachers Mozartband. Jetzt legt der 49-Jährige zum Tollwood-Auftakt am Donnerstag eine Fortsetzung auf: "Gauklersonate - 2. Satz!". Fünf Tage später spielt er in "Ibericus" von der italienischen Gattin Francesca de Martin & Ferrucio Cainero den Musikus-Titelhelden, römische Impresarios, Rebellen, germanische Beautys, drei Schweine und Hund Zesar. Wenn einer Gaukler ist, dann der Chilene Solar, seit 1978 Wahl-Bremer und von 1990 bis 2000 Münchner Stammgast. Seine Rollen an Ruth Drexels Volkstheater, etwa sein "Don Quijote", sind in guter Erinnerung.

<P>Warum Bremen?<BR><BR>Solar: Ich war 22. In diesem Alter ist die Freiheit eine wichtige Sache, und die gab es unter Pinochet nicht mehr. So bin ich nach Deutschland. Und Bremen hat sich am meisten für die Chilenen eingesetzt. Ich bekam Bafög, habe mein Diplom in Grafik-Design gemacht. Nebenbei fing ich an, Theater zu spielen. Musik war sowieso immer schon ein Teil von mir.<BR><BR>Und München?<BR><BR>Solar: Ein Kollege und ich waren mit einem Duo auf Tournee. Ruth Drexel hat uns gesehen - bei einer Vorstellung mit kaum Publikum. Ganz schreckliche Situation . . . Mit "Don Quijote" fing alles an. Danach kam Roland Topors "Ein Winter unterm Tisch". Dafür und für Coline Serraults "Hase Hase" habe ich auch die Musik komponiert. Seitdem besteht eine Verbindung zu München.<BR><BR>"Gauklersonate - 2. Satz": Was ist daran neu?<BR><BR>Solar: Einige Dinge, wo es um Mozart geht, nehme ich wieder auf. Aber die Geschichte ist anders. Ich habe mit dem Kanadier René´ Bazinet eine wunderbare neue Figur. Er hat bei Mnouchkines Théâtre du Soleil gearbeitet. Als Clown und als Mozart ist er mein roter Faden. Auch die Bühne ist anders - nicht architektonisch. Sie hat eine neue visuelle Tiefe. Wir arbeiten mit Zeichnungen, mit Animation . . . Es gibt viele neue Musikstücke. Die Artisten, mit einer Ausnahme, sind alle neu. Und sie sollen diesmal nicht nur Anstrengung und Leistung liefern, sondern die Möglichkeit haben zu tanzen - zur Poesie des Körpers zu kommen.<BR><BR>Und gleich darauf "Ibericus", der 2003 nur dreimal lief. Ein Kraftakt . . .<BR><BR>Solar: Ich sehe keine Probleme. Es ist eine Geschichte, die ich sehr liebe. Sie ist gut geschrieben, bildhaft, musikalisch, komisch. Schauspielerisch eine große Herausforderung, weil ich von einer Figur in die andere springe.<BR><BR>Peter Kaempfe steht im Programm als Regisseur.<BR><BR>Solar: Am Ende mache ich immer das, was ich will. Ich bin das jüngste von sechs Geschwistern, da ist das normal (lacht). Aber die Arbeit als Solist ist sehr einsam. Der vorne steht, ist für mich eine Art Kontrolle. Dann ist da noch das kritische Auge meiner Frau Francesca de Martin. Sie schreibt für mich und ist ja selbst Schauspielerin. Und das Widersprechen, eine Dialektik in unserer Arbeit, ist sehr wichtig für mich.<BR><BR>Wo haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?<BR><BR>Solar: Die Theatertruppe Fliegende Bauten, wo sie engagiert war, gastierte in Bremen. Sie stand am Zelteingang - als Aphrodite . . . Jetzt ist unsere Tochter schon 16, hat eine eigene Band mit fünf Mädels und schreibt die Songs selbst.<BR><BR>Wie hat Ihre Familie das Pinochet-Regime überstanden?<BR><BR>Solar: Mit viel Glück. In meiner Verwandtschaft sind alle politischen Richtungen repräsentiert. Im Grunde eine typische lateinamerikanische Großfamilie, so wie Isabel Allende sie beschreibt. Man lebt miteinander, streitet. Wir Latinos streiten immer, haben keine Angst davor.<BR><BR>Sind Ihre Stücke politisch?<BR><BR>Solar: Es ist immer eine Verbindung da, nicht zum Politischen direkt, aber als Anregung zum Denken. Bei "Gauklersonate" die Auseinandersetzung mit Mozart, das Lesen seiner Briefe, die Freimaurer . . . Aus diesen Erfahrungen entstehen Bilder, die man nicht intellektuell kapieren muss. Mich interessiert, sinnlich und emotionell zu arbeiten. In "Ibericus" geht es um das römische Imperium, um Eroberung, Unterdrückung, Sklaverei. Aber wie bei Dario Fo wird alles in der Form der Komödie gebracht. Ich muss die Leute zum Lachen bringen. Wenn der Mensch lacht und sich entspannt, kann man alles Mögliche damit machen.</P><P>Das Gespräch führte Malve Gradinger</P><P>"Gauklersonate - 2. Satz!", auch mit Vier-Gänge-Menü: 25. 11. - 30. 12.; "Ibericus" 30. 11 - 11. 12.; Karten unter Tel. 0700/ 38 38 50 24. </P><P><BR> </P>

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