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„Es ist immer noch Rock ’n’ Roll“: Michael Altinger (46) bekommt am Montag im Münchner Lustspielhaus den Hauptpreis des Bayerischen Kabarettpreises verliehen.

Interview zum bayerischen Kabarettpreis

„Der Lausbub ist mein Naturell“

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München - Er zählt erst 46 Lenze, und doch ist Michael Altinger schon seit einem Vierteljahrhundert Hansdampf in allen Gassen. Vor allem als Solist, stets begleitet von seiner „Band“ Martin Julius Faber (aktuell mit seinem Programm „Hell“), aber auch im Duett zusammen mit seinem Kollegen Alexander Liegl.  Jetzt  erhält der langjährige Moderator des Bayerischen Kabarettpreises die Auszeichnung selbst.

Im Jahr 2001 haben Sie den Senkrechtstarterpreis bekommen, da war’s nach 16 Jahren doch eigentlich höchste Zeit für den Hauptpreis, oder?

Altinger: Irgendwie schon. Vielleicht sind ja nur alle sonst infrage kommenden Kandidaten bereits versorgt. Nein, im Ernst – es ist viel passiert seit 2001, und ich hoffe doch, mich so positiv entwickelt zu haben, dass die Auszeichnung gerechtfertigt ist.

Ist Bayern ein besonders fruchtbares Kabarettbiotop?

Altinger: Scheint so. Kabarettisten – oder die, die sich so nennen – schießen momentan wie Pilze aus dem Boden. Heutzutage ist ja jeder, der im Bierzelt einen Witz erzählen kann, schon ein Kabarettist.

Woher kommt dieser Boom? Ist es das Bedürfnis, sich an CSU und Staatsregierung zu reiben?

Altinger: Das war vielleicht früher mal das Hauptmotiv. Der Wille, eine Gegenkultur zu schaffen. Heutzutage will man als Kabarettist vor allem berühmt werden.

Von der Gegen- zur Mitkultur?

Altinger: Es hat eine regelrechte Ver-BWL-isierung dieses Berufs eingesetzt. Ich glaube, dass da schon auch Leute dabei sind, wenn zu denen der Agent sagt: „Vertret’ doch mal eine andere Haltung, vielleicht a bisserl weiter rechts“, dann würden die das machen, Hauptsache, die Zuschauerzahlen stimmen.

Ich zitiere aus der Begründung der Jury: „Michael Altinger legt dar, wie brüchig das Gerüst aus Moral, Höflichkeit, Respekt und Fairness ist, das unser Leben stützen soll.“ Ist das Ihr großes Thema, das „brüchige Gerüst aus Moral, Höflichkeit, Respekt und Fairness?“

Altinger: Ja, oder auch das Ende der Empathie, die Unfähigkeit, sich in einen anderen einzufühlen. Kants Kategorischer Imperativ ist ein wichtiger Satz, viele wissen gar nicht mehr, was damit gemeint ist. Ich mach’s konkreter: In der Geschichte, die ich in „Hell“ erzähle, geht’s um einen Autounfall. Am Anfang lege ich dem Sachverhalt gemäß ein Schuldeingeständnis ab. Als dann aber Kosten ins Spiel kommen, fange ich an, eine neue Wahrheit zu konstruieren, um diese Kosten nicht tragen zu müssen. Und dieses Verhalten lässt sich übertragen auf alles, was in der Welt passiert. Man muss nur an Donald Trump denken.

Das Ende der Kompromissbereitschaft?

Altinger: Ja. Stattdessen sagen Freunde: „Du bist ja blöd, dich auf so etwas einzulassen!“ Sich nicht moralisch zu verhalten, gilt als Normalität. Der Unfall ist tatsächlich passiert, nur anders herum. Der Unfallgegner hat zunächst seine Schuld eingestanden, im Schreiben seiner Versicherung stand dann drin, ich sei der Verursacher gewesen. Daraufhin habe ich selbst einen Anwalt kontaktiert, der mir gesagt hat: „Reg’ dich nicht auf, das probiert jede Versicherung!“

Sie machen sich im aktuellen Programm auch über Eltern lustig, die Angst haben, dass ihre Kinder in der Schule benachteiligt werden und die deswegen auch gerne einmal dem Lehrer drohen.

Altinger: Gerade im Münchner Raum bricht Panik aus, wenn das Kind den Übertritt ins Gymnasium nicht schafft – dabei liegt die Übertrittsquote bei 90 Prozent. Das geht mir auf den Zeiger. Wir haben ein sehr durchlässiges Bildungssystem, in dem jeder den Ausbildungsweg findet, der zu ihm passt.

Auch der Sportwahn kommt in „Hell“ vor...

Altinger: Alles, was Optimierung betrifft. Die Optimierung als Sinnstiftung im Leben.

Das sind ja sehr lebensnahe Themen – kann man da ruhig bleiben, wenn im Freundeskreis genau die Verhaltensweisen gepflegt werden, die man von der Bühne herunter kritisiert oder karikiert?

Altinger: Privat bin ich eher in einer Zuhörerrolle. Ich lasse das auf mich wirken und überlege, inwiefern ich es auf der Bühne verwerten kann. Ich für mich kann nur sagen: Ich gehe diesem Optimierungswahn bewusst aus dem Weg. Ich habe auch meine Kinder sehr viel selber wurschteln lassen. Ich gehöre nicht zu denen, die dem Nachwuchs den ganzen Tag auf den Füßen stehen: „Des muaßt no macha und des und des und des...“

Woran liegt das, dass die Menschen stets darauf aus sind, besser, schneller, schlauer zu sein als andere – und das im reichen Bayern?

Altinger: Ich glaube, das hat mit Saturiertheit zu tun. Die Leute sind satt und suchen verzweifelt nach neuen Zielen. Wenn es allen gut geht, muss ich dafür sorgen, dass es mir noch besser geht, dass ich auffalle. Das schaukelt sich dann hoch. Fitnessstudio, Nahrungsergänzungsmittel – es gibt ja schon einen Wettstreit, wer die schlimmste Allergie hat.

Sie thematisieren den Mangel an Respekt – ist es wirklich so, dass das Publikum das Smartphone während der Vorstellung anlässt?

Altinger: Es ist für viele eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihr Handy anhaben in der Vorstellung und natürlich auch filmen, wenn du auf der Bühne stehst. Da gibt es kein Unrechtsbewusstsein. Ich stelle auch fest, dass die Aufmerksamkeitsspanne immer knapper wird. Sie reduziert sich auf die Dauer von Youtube-Clips, so eineinhalb bis drei Minuten. Entsprechend schwieriger wird es, eine Geschichte zu erzählen, die mal dreißig Sekunden oder eine Minute ohne Pointe auskommt.

Stellen Sie sich darauf ein? Hat sich die Dramaturgie Ihrer Programme geändert?

Altinger: In gewisser Weise ja. Aber es gibt Passagen, in denen man einfach mehr Worte machen muss, um die Handlung voranzubringen. An manchen Stellen funktioniert ein Programm eben eher über Irritation als über Entertainment.

Sie waren nie im engeren Sinn politischer Kabarettist...

Altinger: Das passiert eher im „Schlachthof“. Aber tatsächlich ist das Gesellschaftspolitische nach wie vor das Wichtigste für mich. Die wachsende Entsolidarisierung. Das ist für mich wie eine Überschrift, und in der Richtung will ich auch weitermachen.

Sie gehen auf die 50 zu...

Altinger: ...und immer noch wird mir das Attribut „Lausbub“ angeheftet, ich weiß. Mein Gott, das ist halt mein Naturell, so energiegeladen auf der Bühne zu stehen. Aber es kann schon sein, dass mir mein Körper irgendwann einmal die Grenzen aufzeigt und ich ein wenig ruhiger werde.

Aber ändert sich nicht auch die Perspektive? Die Kinder werden älter, irgendwann sind vielleicht Enkel da, da kann man nicht mehr gut den ewigen Jugendlichen mimen.

Altinger: Stimmt schon, man kriegt eine andere Sichtweise, und ich glaube, dass sich das auch schon im Programm abbildet. Ich hoffe doch, dass ich thematisch reifer geworden bin. Aber es ist immer noch Rock ’n’ Roll.

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