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Zwar finden die live übertragenen „Montagskonzerte“ ohne Publikum im Münchner Nationaltheater statt. Doch seien an diesen Abenden mitunter bis zu 30 Personen anwesend, seit auch Tänzerinnen und Tänzer auftreten, heißt es.

Die Angst tanzt mit: Die Bayerische Staatsoper und Corona

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Die Kunst durch die Krise bringen - aber mit welchem Risiko? Es gibt heftige Vorwürfe gegen die Bayerische Staatsoper.

München - Natürlich muss es weitergehen mit der Kunst, gerade jetzt. Und die Bayerische Staatsoper tut einiges dazu, das Lebensmittel zu verabreichen. Wenigstens in kleinen Dosen, als Internet-Video aus der Konserve oder als Livestream mit den „Montagskonzerten“. Doch scheint es, als ob es das Haus mit den Sicherheitsvorkehrungen, die wegen der Corona-Pandemie gelten, nicht hundertprozentig genau nimmt. Das legen jedenfalls Äußerungen von Mitarbeitern nahe, die ihren Arbeitgeber ausdrücklich nicht anschwärzen wollen – sondern schlicht Angst vor einer Ansteckung haben.

Die Vorwürfe betreffen zwei Schauplätze, das Nationaltheater und das Ballettprobenzentrum am Platzl. Für das Training des Staatsballetts wurde die Teilnehmerzahl auf 15 begrenzt. Doch dies, so ist zu hören, werde nicht eingehalten. Die Staatsoper deklariert das Training als „freiwillig“. In diesen Stunden, so teilte das Haus auf Anfrage mit, „gilt ein Mindestabstand von zwei bis drei Metern zwischen den Tänzern, trainiert wird in kleinen Gruppen, Körperkontakt findet nicht statt“. Darauf würden der Ballettmeister und ein diensthabendes Mitglied der Ballettdirektion achten.

„Freiwilliges Training“ für die Tänzerinnen und Tänzer

Alles nur eine Idealvorstellung, kritisieren Beteiligte. Selbstverständlich komme es zu körperlicher Nähe. Zudem stößt man sich am Begriff der „Freiwilligkeit“. Wer sich nicht regelmäßig beim Training blicken lasse, habe bei den Entscheidungsträgern des Staatsballetts schlechte Karten, heißt es. Außerdem, so geben Mitarbeiter zu bedenken: Wenn Menschenansammlungen, und dazu zähle das Training, verhindert werden müssten, dann spiele es doch keine Rolle, ob dieses verordnet oder „freiwillig“ sei. „Wir lieben alle unsere Arbeit“, sagt ein Betroffener. „Und Tänzer müssen trainieren. Aber darum geht es nicht, sondern in erster Linie um die Sicherheit.“

Bayerns Kunstministerium hält es noch nicht für notwendig, den Trainingsbetrieb einzustellen. „Weiterhin erlaubt ist unter Beachtung strenger Hygienemaßnahmen und unter enger Einbindung des Betriebsarztes ein Fitness- und Trainingsbetrieb“, teilte das Ministerium auf Anfrage mit. „Die Tänzerinnen und Tänzer des Staatsballetts haben die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis am täglichen Training teilzunehmen und die Fitnessgeräte zu nutzen, die nach jeder Benutzung desinfiziert werden. Selbstverständlich werden alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um die Sicherheit der Ensemblemitglieder zu gewährleisten.“

Wie erzählt wird, gibt es innerhalb des Kunstministeriums einen Dissens über das Training. Während Minister Bernd Sibler (CSU) eher für ein Verbot votiere, gebe es andere, die solche Aktivitäten erlauben wollen. Ballettdirektor Igor Zelensky scheint die Situation übrigens nicht geheuer, er lässt sich am Platzl nicht blicken. Laut Opern-Sprecher Christoph Koch ist Zelensky „täglich via Telefon, WhatsApp und Mail mit den Tänzerinnen und Tänzern und auch mit den anderen Mitarbeitern des Hauses in Kontakt“. Offenkundig aus Sicherheitsgründen. Kürzlich, das ist zu hören, habe er sich für den „Mut“ seiner Tänzer bedankt.

Staatsoper weist Vorwürfe zurück

Weiterer Stein des Anstoßes sind die live übertragenen „Montagskonzerte“ ohne Publikum. Bis zu 30 Personen, so wird berichtet, seien im Nationaltheater beteiligt, seit der zweiten Folge auch Tänzerinnen und Tänzer. Auch hier komme es zu körperlicher Nähe, Mitglieder des Sicherheitspersonals seien neulich „Knie an Knie“ gesessen. Von einer Freiwilligkeit könne ebenfalls nicht gesprochen werden. Aus gesundheitlichen Bedenken von der Teilnahme Abstand zu nehmen, sei den Bediensteten untersagt.

Die Staatsoper hat dies zurückgewiesen. Man handle nach allen Vorgaben des Kunstministeriums, alle Sicherheitsvorkehrungen würden getroffen. Zwar sei das Theater geschlossen, es sei aber „ausdrücklich kein Arbeitsverbot“ für alle Staatstheater ausgesprochen worden, so Sprecher Koch. „Es wurde allerdings mehrfach an die Belegschaft kommuniziert, dass man bei Bedenken direkt mit dem jeweiligen Vorgesetzten Kontakt aufnehmen kann und dann versucht wird, für jeden Fall im Einzelnen eine Lösung zu finden.“

In der Staatsoper wächst unterdessen der Unmut. Aus dem Orchester ist solcher zu hören, aber auch aus dem Chor. Auf Verständnislosigkeit stößt, in welchem Ton das Haus auf die Kritik reagiert. Ein geharnischtes Schreiben des Künstlerischen Betriebsbüros wurde vor einigen Tagen bekannt (wir berichteten). Zudem hat sich Intendant Nikolaus Bachler in der „Abendzeitung“ zu den Vorwürfen mit einem Begriff aus der Nazi-Zeit geäußert: „Alle selbst ernannten Blockwarte können sich also ab sofort anderen Thematiken widmen. Oder, noch besser: einfach mal schweigen.“

Bachlers „deplatzierte Blockwart-Vergleiche“

Unter anderem Robert Brannekämper, CSU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Ausschusses für Wissenschaft und Kunst, protestiert gegen diese Wortwahl. „Ein führender Mitarbeiter der Bayerischen Staatsoper wie Herr Bachler sollte in diesen schwierigen Zeiten nicht durch völlig deplatzierte Blockwart-Vergleiche auffallen, sondern vielmehr durch Empathie und Fürsorge seinen Mitarbeitern gegenüber.“ Brannekämper erwartet vom Kunstministerium, „dass es diesen unverantwortlichen Probenbetrieb unverzüglich beendet“. Sollten tatsächlich noch Proben stattgefunden haben, sei das ein Skandal. „Ich halte die Livestreams für höchst problematisch. Andere Häuser greifen auf ihre Video-Konserven zurück, so sollte es die Bayerische Staatsoper auch halten.“

Auch in Münchens zweitem Opernhaus, das seinen Probenbetrieb eingestellt hat, gibt es Empörung über Bachlers „Blockwart“-Äußerung. Albert Ginthör, stellvertretender Personalratsvorsitzender am Gärtnerplatztheater und Mitglied des Orchestervorstands, meint dazu: „Für den Intendanten eines der wichtigsten Opernhäuser ist das nicht nur unwürdig, sondern auch inakzeptabel und unentschuldbar.“

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